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Rock

Kritik: Various Artists - "Blind Date"

Mirko Gläser und Mario Radetzky gehören innerhalb der deutschen Alternative-Szene ohne Zweifel zur Kategorie „Umtriebiger Tausendsassa“. Der eine sorgt mit ...

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Mirko Gläser und Mario Radetzky gehören innerhalb der deutschen Alternative-Szene ohne Zweifel zur Kategorie „Umtriebiger Tausendsassa“. Der eine sorgt mit seinem Label Uncle M seit Jahren dafür, dass deutsche Nachwuchsbands im Dickicht des Musikbusiness den Durchblick behalten. Der andere ist nicht nur Sänger bei Blackout Problems, sondern betreibt auch mit Munich Warehouse ein Label, dass neben der eigenen Band einige weitere spannende Acts aus dem Alternative Rock-Spektrum beheimatet. Die Wege der beiden gerade genannten Herren haben sich in den letzten Jahren schon unzählige Male gekreuzt. So auch vor einigen Monaten, als man beschloss, sich einem ganz besonderen Projekt zu widmen. Unter dem Titel „Blind Date“ haben die beiden Bands der jeweiligen Labels zusammengeführt und ihnen die Aufgabe gegeben, gemeinsam an Songs zu arbeiten. Und wie der Titel es sagt, wussten die Bands vor der Zusage zum Projekt nicht, mit wem man zusammenarbeiten würde. In dieser Woche erblickt die Vinyl „Blind Date“ mit ihren sechs Songs endlich das Licht der Welt. Wir haben einmal ganz genau reingehört!

15 ganz verschiedene Acts

Schon beim Blick auf die Tracklist fällt auf, dass die beteiligten Acts an ganz verschiedenen Stellen ihrer Karrieren stehen. Mit Kochkraft durch KMA und Heisskalt machen zwei Bands den Anfang, die sich längst einen Namen in der Szene gemacht haben. Dementsprechend abgeklärt kommt ihr Song „Realität“ dann auch daher. Wir bekommen ziemlich genau das zu hören, was wir erwarten konnten. Dabei sind es – aber das ist wie so oft vor allem ein subjektives Empfinden – vor allem Heisskalt, die für die besonders positiven Momente des Songs sorgen. Gerade die Strophen sind in erster Linie anstrengend. Aber das ist bei Kochkraft durch KMA und ihrem New Wave bekanntlich oft der Fall. Ohrwurmpotential hat der Song aber fraglos.

Ein ganz besonderer Pop Punk-Dreier

Mit „Wasted Youth“ schließt sich im Folgenden vielleicht das Highlight der Platte an. Hier sind gleich drei Acts im Einsatz. Neben den Karlsruher Pop Punk-Ensemble Attic Stories und ihren Frankfurter Genre-Kollegen Friends Don’t Lie macht hier vor allem Mario Radetzkys Bandkollege Moritz Hammrich alias Emmerich auf sich aufmerksam. Dates zu dritt gehen bekanntlich selten gut aus, aber hier stimmt so ziemlich alles. Vom Songwriting bis zur Melodie kann hier alles überzeugen. Lediglich die Produktion kommt hin und wieder etwas billig daher – beeinträchtigt das Endergebnis aber nicht sonderlich.

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Auch Song Nummer Drei kommt von gleich drei Bands – Chiefland, Himitzu und Watch Me Rise stammen allesamt aus dem Hause Uncle M. Gerade Watch Me Rise stechen mit ihrem Melodic Hardcore-Sound ein Stück weit heraus. Das Ganze funktioniert dennoch überraschend gut. Vielleicht nicht ganz so flüssig wie beim Pop Punk-Dreier zuvor. Doch auch in „Crashing Out“ gelingt es allen drei Bands, ihre Stärke gewinnbringend dem Gesamtkunstwerk zur Verfügung zu stellen.

Mit Peter aus der Mozartstrasse und VASI starten wir die zweite Hälfte wieder deutschsprachig – und mit zwei Künstlern, die als Solo-Artists auftreten. Während der eine nun schon einige Zeit unterwegs ist, hat der andere erst im vergangenen Jahr die ersten Singles veröffentlicht. Dass beide Acts sich musikalisch durchaus ähneln, ist in diesem Fall kein Nachteil. Nicht immer sind es Gegensätze, die sich anziehen. „Nichts dagegen“ ist jedenfalls ein Song, der ziemlich geschmeidig daherkommt. Vielleicht fehlen hier und da die ganz besonderen Momente, aber schon dieser Kritikpunkt wäre Meckern auf sehr hohem Niveau.

Ein Blind Date auf hohem Niveau

Apropos Niveau:Das bringt eine Band wie Flash Forward nach über 15 Jahren im Geschäft natürlich mit. Dass ihr Alternative Rock-Sound den gemeinsam mit Coast Down und Wait Of The World aufgenommenen Song „FYU“ stark prägt, ist bei diesem Erfahrungsschatz und Standing dann auch kein Wunder. Gleichwohl schaffen es auch hier alle drei Acts, ihren Anteil deutlich hörbar einzubringen. Vielleicht ist „FYU“ sogar der Song, der auf der Platte, der besonders ausgereift und durchdacht wirkt.

Mit Remote Bondage und Nikra sind es dann zwei Munich Warehouse-Bands, die das Finale auf „Blind Date“ bestreiten. In 2:37 Minuten bringen es beide Acts gekonnt auf den Punkt. Gerade zum Ende dreht der Songs noch einmal richtig auf und bildet so einen mehr als würdigen Schlusspunkt dieses spannenden Projekts.

2 Label, 15 Bands, 6 Songs: Das sind die nackten Zahlen hinter „Blind Date“. Doch natürlich steckt hinter dem Projekt von Uncle M und Munich Warehouse viel mehr als das. Denn eben diese 15 Bands schaffen es, gemeinsam Songs zu kreieren, die sie ganz alleine so wohl nie geschrieben und aufgenommen hätten. Dass dabei nicht jeder Song an jeder Stelle zu 100 Prozent überzeugen kann, liegt in der Natur der Sache. Im Ergebnis zeigen die sechs Songs auf „Blind Date“ aber eines: Gemeinsam ist man stark. Und kreativ. Und spannend sowieso.

Beitragsbild: Uncle M

ALBUM
Blind Date (EP)
Künstler: Emmerich

Erscheinungsdatum: 19.12.2025
Genre:
Label: Uncle M x Munich Warehouse
Medium: Streaming, Vinyl

Tracklist:
  1. Realität (Kochkraft Durch KMA x Heisskalt)
  2. Wasted Youth (Emmerich x Attic Stories x Friends Don't Lie)
  3. Crashing Out (Chiefland x Himitzu x Watch Me Rise)
  4. Nichts dagegen (Peter aus der Mozartstrasse x VASI)
  5. FYU (Flash Forwad x Coast Down x Wait Of The World)
  6. Madonna vs. Britney (Remote Bondage x Nikra)
7.5
FAZIT
"Blind Date" bringt 15 teils sehr unterschiedliche Acts zusammen. Heraus kommen sechs Songs, die nicht immer, aber sehr oft zeigen, welches Potential diese Art der Kollaboration hat. Bei vielen Bands wünscht man sich, dass sie in Zukunft öfter mal gemeinsame Sache machen.