Review

Post-Metal

Kritik: Amenra - "De Doorn"

Mit „De Doorn“ veröffentlichen Amenra ihr erstes Album, das nicht der „Mass“-Serie folgt. Die belgische Post-Metal-Band gehört 2021 zu den ...

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Mit „De Doorn“ veröffentlichen Amenra ihr erstes Album, das nicht der „Mass“-Serie folgt. Die belgische Post-Metal-Band gehört 2021 zu den beliebtesten Genrevertretern und baut mit ihren intensiven Liveshows ihre Fanbase stetig auf. Mit dem neuen Album geht die Band nun einen Schritt weiter und beweist, warum man sie nicht ignorieren sollte.

Bedrückend, unheimlich und diffuse beginnt sich die Spannung von „Ogentroost“ aufzubauen. Die Klanglandschaft, die der erste Track von „De Doorn“ offenbart, ist so düster wie der Beginn eines verstörenden Thrillers und lässt mit großer Spannung erwarten, was nach dem Vorspann passieren wird. Dass dieser Vorspann lange anhält, ist selbstverständlich.

Erst über die Dauer von mehreren Minuten baut sich die Spannung, die Amenra so atmosphärisch werden lässt, vollständig auf. Es sind kleine Elemente, wie die minimalistisch gespielte Gitarre, die dieses Ambiente mit aufbaut. Dazu kommen die flämischen Vocals, die auf „De Doorn“ über weite Strecken bloß gesprochen sind und mit der geflüsterten Aussprache des Sängers Colin H van Eeckhout an Düsternis gewinnen, bevor sich die Spannung in einem Ausbruch roher Energie freisetzt. Es sind die Gitarren, die einen einschneidenden Charakter haben und zusammen mit den emotional aufreibenden Shouts des Sängers eine kathartische Wirkung freisetzen. Bereits jetzt wird erneut klar: Amenra zu hören, ist ein befreiendes Unterfangen, das die Geißelung der menschlichen Psyche zum Ausdruck bringt.

Atmosphäre

Mit Vocallayers von Oathbreaker Sängerin Caro Tanghe bekommt „Ogentroost“ schnell einen okkulten Touch, der sich durch repetitiven Sprechgesang und mesmerisierende Gitarrenriffs zum Ende des Songs mehr und mehr zuspitzt. Diese sich wiederholenden Parts sind es, die die Spannung erneut anschwellen lassen und den Sound von Amenra so unangenehm unter die Haut schieben. Insbesondere die Momente, in denen die Band sich verlangsamt, sorgen für eine absolute Katharsis und beweisen auf „Ogentroost“ bereits die volle Bandbreite, die die Musik der Belgier so besonders macht.

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Mit „De Dood In Bloei“ findet sich eine atmosphärische Überleitung, die primär durch Sounddesign und cleane Gitarren getragen wird. Diese Atmosphäre liefert nicht viel Eigenwert, hält aber die Mystik im Sound von Amenra aufrecht, um dann in „De Evenmens“ mit emotionalen Shouts und einem typischen Amenra-Riff zu gipfeln.

Erneut bauen die Belgier auf einen langsamen, getragenen Sound, der mit schrillen Shouts ausgestattet ist und dann erneut von Sprechgesang in poetischer Form ergänzt wird. Im Hintergrund sind es die Gitarren, die sich Stück für Stück einer bedrückenden Harmonie fügen und „De Evenmens“ zu einem unfassbar traurigen und belastenden Stück Musik werden lassen.

Amenra sorgen für Emotionen und Gänsehaut

Auch der textliche Content sorgt für wahre Gänsehaut-Momente. „Ik neem afscheid van dit stervend lichaam, dit stervend harrt de dagen svart“, singt Eeckhout. „Ich nehme Abschied von diesem sterbenden Körper, dieses sterbende Herz, die Tage schwarz.“ Die Musik und Lyrics von Amenra sind so direkt, so kalt und bedrückend, was sich auch in der Wirkung dieses Songs widerspiegelt. Zwar ist der Gesang, den Eeckhout in diesem Song liefert, fern von jeglicher Gesangskunst, ist dabei aber so fragil, so ehrlich und so emotional, dass man für „De Evenmens“ wirklich verdammt starke Nerven benötigt, um nicht emotional an diesem Song zu zerbrechen.

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Die Melodien, mit denen „Het Gloren“ beginnt, sprechen die Sprache von modernem Black Metal. Doch auch hier verlasse sich Amenra auf ein langsames Tempo, das die bedrückenden Aspekte dieses Riffs noch mehr in den Vordergrund schiebt. An die tiefe Emotionalität des vorrigen Tracks reicht „Het Gloren“ nicht heran. Dagegen überzeugt der Track mit Doom Elementen und zeigt Amenra auch von einer Groove-betonten Seite, die in den ersten sechs Minuten überwiegend instrumental strukturiert ist.

Nach einem Cut folgt ein weiteres Gedicht, das isoliert innerhalb des Songs liegt und schnell von akustischen Gitarren umspielt wird. Amenra zerstören das Momentum und bauen sich von vorne auf, mit Stimme und Gitarren, die zunehmend die Atmsphäre aufbauen und den Fokus klar auf den Text fallen lassen.

Ähnlich fragil wie der Cleangesang wirkt dieser Part, der sich mit der Addition der weiteren Instrumente erneut aufbaut und eine schwellende Spannung erzeugt, die in Sludge-Gitarren und einem abrasiven Cut freigesetzt wird.

Amenra finden den Weg zurück zu ihrem schmetternden Post-Metal und lassen diesen durch die große Kontrastierung noch extremer wirken, als er ohnehin schon ist.

Nichts ist für immer

„Voor Immer“ schließt das Album ab und fordert erneut eine lange Aufmerksamkeitsspanne. Die ersten acht Minuten des Songs baut sich die Atmosphäre mitsamt gesprochener Vocals auf. Die Langatmigkeit dieser Musik ist jedoch schnell vergessen, wenn man sich vollends auf die Musik konzentriert und die minimale Addition über den zeitlichen Verlauf bewusst wahrnimmt. Insbesondere der intime Cleangesang, den Amenra über diesen Part legen, hebt die Emotionalität der Musik in den Fokus.

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Das Ende von „Voor Immer“ ist die logische Konsequenz des klaffenden Kontrasts zwischen ruhigen Post-Rock -assagen und brachialem Post-Metal. Amenra beenden ihr Album auf zerreißende Art und Weise und betonen hierbei insbesondere die aggressive Seite ihrer Musik. Ein harmonischer Break am Ende des Songs lässt Gefühle der Nostalgie aufkochen und bietet eine Melodie, die eine unfassbar große Traurigkeit und Hoffnung in sich trägt.

Diese Hoffnung lässt die Hörer:innen nach „De Doorn“ zermürbt, zerrissen sowie erschöpft zurück, nachdem die Musik in einem weißen Rauschen verschwindet und mit ausfadenden cleanen Gitarren wie alles in unseren Leben letztlich endet – einsam, still, allein.

Foto: Jeroen Mylle / Offizielles Pressebild

ALBUM
De Doorn
Künstler: Amenra

Erscheinungsdatum: 25.06.2021
Genre:
Label: Relapse Records
Medium: CD, Vinyl, etc

Tracklist:
  1. Ogentroost
  2. De Blood In Bloei
  3. De Evenmens
  4. Het Gloren
  5. Voor Immer
Amenra De Doorn
Amenra De Doorn
9
FAZIT
„De Doorn“ ist zwar nicht das beste Amenra-Album und wirkt im direkten Vergleich zu den „Mass“-Alben etwas schwächer, ist aber dennoch ein weitere Meilenstein in der Karriere der Band. Insbesondere der klarere Sound, das direktere Songwriting und die großartige Kollaboration mit Caro Tanghe machen „De Doorn“ zu einem spannenden Album, das vor allem mit seinem harten Impact von sich überzeugt.

Ein Kritikpunkt bleibt die Zeit der Veröffentlichung. Ein Album wie „De Doorn“ im Sommer zu veröffentlichen, wirft viele Fragen auf. Mit dem düsteren Sound passen die Belgier am besten in den Spätherbst und den kalten Winter. Dennoch ist „De Doorn“ ein Meisterwerk, das vor allem auf emotionaler Ebene neue Maßstäbe setzt und die Belgier zur Spitze ihres Genres avancieren lässt.
/morecorede
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