Review

Alternative New Wave

Kritik: AFI - „Silver Bleeds the Black Sun …“

Bei AFI steht 2025 alles im Zeichen von gothlastigem Post-Punk und kühler 80s-Atmosphäre.

VON

Die gesamte, mittlerweile fast 35 Jahre andauernde Karriere von AFI war eine einzige Metamorphose. In der East-Bay-Hardcore-Szene gestartet, lieferten sie zunächst kurze, rotzige Punknummern – Schweiß, Tempo, Energie.

Ende des Jahrzehnts begann der erste Umschwung: „Black Sails in the Sunset“ und „The Art of Drowning“ brachten melodische Gothic-Schwere in den Punk. Mit „Sing the Sorrow“ und „Decemberunderground“ öffnete sich die Band für den Mainstream – mit Hymnen, die auf MTV rauf und runter liefen („Girls Not Grey“, „Miss Murder“).

Nach dieser kommerziellen Hochphase ging der musikalische Kurs von Davey Havok & Co. noch kurvenreicher weiter. Von Alternative Rock über New Wave bis 80s-Huldigung war alles dabei.

Und jetzt? Was bekommen wir auf „Silver Bleeds the Black Sun…“ zu hören?

Überraschenderweise eine konsequente Weiterentwicklung der Vorgängerplatte „Bodies“ (2021): Alles steht im Zeichen des gothlastigen Post-Punk, der düsteren, kühlen 80s-Atmosphäre.

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„The Bird of Prey“ setzt die Stimmung

„Silver Bleeds the Black Sun …“ startet zurückhaltend. Kein Riff, kein Schrei, keine Explosion. Stattdessen Akustikgitarre, dazu rhythmisches Getrommel. Ein Song, der nicht hetzt, sondern sich aufbaut.

Vergleiche zu David Bowies „Space Oddity“ drängen sich auf, während Davey Havoks tiefer, drückender Gesang an den bittersüßen Pathos von Placebos Brian Molko erinnert.

„The Bird of Prey“ liefert eine seltsame Mischung aus Glamour und Schwermut – und setzt damit die Stimmung, die sich durch das ganze Album ziehen wird.

Mit „Behind the Clock“ rutscht die Platte dann tiefer ins Dunkel. Unheimliche Geräusche bauen eine bedrohliche Atmosphäre auf – wer seinen Kellerraum mit einer flackernden Neonleuchte erhellt, hat das perfekte Setting für diesen Song.

Der Bass schiebt sich wuchtig nach vorn, die Gitarren kratzen, Havoks Stimme legt sich wie ein dunkler Schleier darüber. Der Song entwickelt eine bedrückende Spannung, ohne je so richtig zu explodieren. Es ist ein Grundprinzip des Albums: weniger eruptiv, mehr hypnotisch.

Die große Ausnahme: „Holy Visions“

Aber einmal explodieren AFI dann doch: Mit „Holy Visions“ liefern die Kalifornier einen der besten Rocksongs des Jahres.

Schon die Synthesizer-Melodie schreit so laut nach 80ern, dass vor dem inneren Auge wieder das Neonlicht flackert. Sisters of Mercy treffen auf a-ha. Der Refrain ist pure Ohrwurmmagie: Ekstatische „Holy Visions“-Rufe brennen sich unweigerlich ins Hirn. Fraglos der Überhit der Platte – der Moment, in dem AFI zeigen, wie sehr sie diesen düsteren Sound wirklich beherrschen.

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Doch genau hier beginnt auch das Problem: Nach „Holy Visions“ wird „Silver Bleeds the Black Sun …“ nie wieder so wuchtig, so spektakulär, so mitreißend. Es ist der eine Song, den man sofort in seine Lieblings-Playlist haut – und der Rest wirkt plötzlich mehr wie Variationen desselben Themas.

AFI ziehen ihre Idee auf „Silver Bleeds the Black Sun …“ durch

AFI haben sich auf ihrem zwölften Studioalbum einem Sound, einer Stimmungslage verschrieben – und ziehen diese Marschroute bis zum Ende radikal durch. Songs wie „VOIDWARD, I BEND BACK“ oder „Marguerite“ bringen zwar treibende Post-Punk-Bässe und schimmernde Gitarren, überraschen aber zu keinem Moment. „A World Unmade“ zeigt Havok zwischen dunklem Bariton und verletzlichem Falsett, dicht, verschattet – doch große Dynamik fehlt.

Und so schleicht sich schnell das Gefühl ein: alles wirkt geschlossen und wie aus einem Guss, genau deswegen aber auch austauschbar. Wo „Holy Visions“ die Dunkelheit erhellt, ist der Rest mehr wie eine endlose, klare Nacht. Sicherlich schön, aber eben auch ermüdend.

Finale Furioso

„Nooneunderground“ versucht am Ende noch einmal den großen Bruch. Das Intro ist ambient, unruhig, baut Spannung auf. Dann bricht der Song erst in rockige Härte und schließlich in rohe Punkwut aus. Für einen Moment blitzt die alte Energie auf, die AFI früher auszeichnete. Als Schlusspunkt funktioniert das wunderbar: ein letzter Aufschrei, bevor das Album endgültig in der Dunkelheit verschwindet.

Foto: Lexie Alley / Offizielles Pressebild

ALBUM
Silver Bleeds The Black Sun…
Künstler: AFI

Erscheinungsdatum: 03.10.2025
Genre: , ,
Label: Run For Cover
Medium: Streaming, CD, Vinyl, etc

Tracklist:
  1. The Bird of Prey
  2. Behind the Clock
  3. Holy Visions
  4. Blasphemy and Excess
  5. Spear of Truth
  6. Ash Speck in a Green Eye
  7. VOIDWARD, I BEND BACK
  8. Marguerite
  9. A World Unmade
  10. Nooneunderground
6.5
FAZIT
Das größte Kompliment und die härteste Kritik an diesem Album sind ein und dasselbe: "Silver Bleeds The Black Sun…" wirkt wie aus einem Guss. AFI haben ihre Placebo-Verwandtschaft der Bodies-Phase weitergedacht und endgültig ins 80s-Goth-Rock-Universum übersetzt. Das funktioniert – bis es ermüdet. Die Stimmung zieht sich so konsequent durch, dass man schnell vergisst, welchen Song man gerade hört. AFI ist damit ein geschlossenes, schweres Album gelungen, aber auch eines mit zu wenig Variation und Überraschung. „Holy Visions“ ist locker einer der größten Hits ihrer Karriere, steht aber auf einer Platte, die nur selten so packend ist, wie sie sein könnte.