Unearth

Live bei: Unearth und Darkest Hour in Köln (21.03.2019)

Vergangenen Donnerstag bot Köln die Qual der Wahl. Zum einen gastierten Soen und Ghost Iris – beide mit neuem Album – in der Domstadt, während ebenfalls in der Karnevalshochburg die „Death To False Metalcore“-Tour mit ihrer ersten Show startete. Aufgrund des im wahrsten Sinne brachialen Lineups entschied ich mich, der Show auf der Schäl Sick in der Essigfabrik den Vorzug zu geben. Unearth, Darkest Hour, Misery Signals, Malevolence und Left Behind riefen zum Stelldichein des Oldschool-Metalcores. Und ich hörte.

Left Behind

Aufgrund des fünf Bands umfassenden Lineups startete der Abend bereits 30 Minuten nach Einlass um 18:30 Uhr. Entsprechend mau fiel dadurch auch die Besucherzahl bis dato aus und so begannen Left Behind ihr Set vor vielleicht 30 Gästen. Für den Fünfer aus West Virginia war es die Premiere in Deutschland und sie taten mir ein wenig leid, unter diesen Umständen sowohl den Tourstart wie auch ihr Deutschland-Debüt zu erleben.



Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Quinten Quist

Shouter Zach Hatfield konnte man aufgrund seiner Dimensionen definitiv keine mangelnde Bühnenpräsenz vorwerfen. Der Sound der Band pendelte zwischen Southern Metal, Oldschool Metal und Beatdown – was somit auch irgendwie der Sludge-Ecke zuzusprechen wäre. Außer ein paar Highkicks von Bassist Cade Lewis lief es aber auch relativ unspektakulär auf der Bühne ab. Nach ca. 30 Minuten verabschiedete sich die Band dann auch, um Malevolence Platz zu machen.

Malevolence

Selbige betraten nach einer knappen Umbauphase die Bühne – alle fünf in Badeshorts. Die Band aus Sheffield vertrat an diesem Abend den vielleicht modernsten Sound des Genres und ist gefühlt eher in der Beatdown-Szene beheimatet, wenngleich die Riffs der Gitarristen einen satten Pantera-Einschlag aufweisen. So frickelte sich Gitarrist Josh Baines durch haufenweise groovige und thrashige Passagen, die immer wieder mit überraschenden Licks gespickt waren – technisch in Bestform umgesetzt.

In der Halle wurde es nach und nach etwas voller. Dass es keine blutigen Nasen unter den ersten Konzert-Karatekas auf der Jagd nach eingebildeten Wespenschwärmen gab, war wohl der Verdienst des dennoch recht luftig besetzen Zentrums der Halle. Shouter Alex nutzte die Fläche der Bühne komplett für sich aus und gab sich zudem publikumsnah, indem er klassisch das Mikro in den kleinen Gästepulk hielt, um Fragmente deren Version der entsprechenden Songs einzufangen.

Dem Wunsch von Alex, die Lücken vor der Bühne zu schließen kamen vereinzelte Gäste dann auch nach. Richtig wach wurde die Halle bis dato immer noch nicht.



Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Quinten Quist

Misery Signals

Nach gut 30 Minuten war das Set dann auch vorbei und die Herren von Misery Signals bauten ihre Technik auf, begleitet durch die wunderbaren Porcupine Tree als Umbausoundtrack.

Nach dem Ausstieg von Karl Schubach, der als Shouter drei großartige Alben mit der Band aufnahm und zuletzt in selbiger Location vor 10 Jahren (zusammen mit Architects, Bane und Outbreak) noch mit Misery Signals den Support für Comeback Kid gab, ist Jesse Zaraska aus der Ursprungsbesetzung seit 2014 wieder zurück am Mikrophon. Nach anfänglichen Komplikationen mit dem Equipment konnte es dann aber mit leichter Verzögerung losgehen.

Und die Herren, mittlerweile auch in ihren besten Jahren, zeigten ab der ersten Sekunde, dass sie es noch locker mit den Jungen des Genres aufnehmen können. Ganz vorn dabei war eben erwähnter Zaraska, der die Rückkehr auf die Bühnen sichtlich zu genießen schien. Wie von Dämonen gejagt, rannte er über die Bühne und seine Highjumps würden so manchen Leichtathleten vor Neid erblassen lassen. Seine Sprünge praktizierte er sogar so exzessiv, daß ihm schon in den ersten Songs die Jeans am Allerwertesten riss und am Ende der Show ein handgroßes Loch dort klaffte.

Technisch perfekt spielten Stu Ross und Ryan Morgan an der Gitarre sowie die Rhythmusfraktion bestehend aus Ryans Bruder Branden an den Drums und Kyle Johnson am Bass die neun Songs des Abends runter, darunter Hits wie „The Failsafe“, „Certain Death“ oder „The Year The Summer Ended In June“.



Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Quinten Quist

Und auch das Publikum wurde wacher und man hatte das Gefühl, daß nicht wenige der Anwesenden Misery Signals als persönlichen Headliner betrachteten. Textsicher standen einige Gäste in der ersten Reihe und schrien zusammen mit Jesse ins Mikro.

Misery Signals lieferten Energie pur mit einer unglaublichen Präsenz. Das dürfte zweifelsfrei auch dem aus Panama stammenden Fan aus Finnland gefallen haben, der extra für diese Show nach Köln gereist war. In meiner Begeisterung (und Konzentration, mit der Kamera keine Sprünge zu verpassen) kann ich mich nicht mehr 100% daran erinnern, ob Jesse „Sunlifter“ als neuen Song (ursprünglich eine 7″ von 2016) ankündigte oder ein Song auf der geschriebenen Setlist fehlte, den die Band „heimlich“ eingebaut hatte. Nichtsdestotrotz wäre es nach sechs Jahren seit dem letzten Longplayer „Absent Light“ an der Zeit, neues Material zu veröffentlichen. Nach 40 Minuten verließ die Band unter großem Applaus die Bühne und überließ dem Co-Headliner Darkest Hour die Bretter.

Darkest Hour

Jetzt wachte das Publikum auch richtig auf und es wurde klar, daß Darkest Hour und Unearth die Halle an diesem Abend regierten. Kein bisschen leise, kein bisschen langweilig, Darkest Hour boten das volle Metalcore-Showprogramm. Als Tourgitarristen hatte man sich Fernando Di Cicco bei Dreamshade ausgeliehen. Der schlanke und hochgewachsene Italiener konnte schon mit seiner Band kürzlich im Vorprogramm von Don Broco mit allerlei Spirenzchen unterhalten und technisch überzeugen.

Bassist Aaron Deal überraschte mit rosafarbenem Bass zu weißem Shirt in Kombination mit Metalmähne, langem Bart und Septum. Erfrischend, wenn sich entgegen einiger Nachwuchskapellen die alte Schule des Genres selbst nicht so bierernst nimmt. Apropos: Bier floss nicht nur reichlich die Kehlen der Gäste runter, sondern bildete auch ozeangroße Lachen vor der Bühne und tropfte nach Becherwürfen von der Decke. Wer die Essigfabrik kennt weiß, wie ungünstig Flüssigkeiten in Verbindung mit der Metallplatte vor der Bühne sind. Und so segelte ein Fan nach dem anderen entweder aus dem Moshpit oder Circle Pit heraus auf den Boden, wurde jedoch immer wieder aufgehoben. Auch Eiskunstlaufimitationen waren zu sehen.



Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Quinten Quist

Mit mahnenden Worten durch Shouter John Henry, dass die Band für Vielfalt und Miteinander stünde und sie nichts für Personen, die andere ausgrenzen, übrig hätten, wurde das Dead Kennedys-Cover von „Nazi Punks Fuck Off“ eingeleitet. Und sollte die Band doch mal auf Personen treffen, die das anders sehen, so reicht vermutlich eine kurze Präsentation des martialisch anmutenden Sixpacks von Drummer Travis Orbin, um die Kleingeister noch vor einer Auseinandersetzung in die Flucht zu schlagen. Darkest Hour haben gegenüber den Jungspunden der Szene einen großen Vorteil: Routine. Denn diese half ihnen an diesem Abend, mit unglaublicher Spielfreude 60 Minuten ohne Durchhänger dem Publikum zu zeigen, wo der Metalcore-Hammer hängt.

Unearth

Als Letzte im Bunde enterten um ca. 22:25 Uhr Unearth die Bühne. Seit 21 Jahren dabei und mit Songs wie „My Will Be Done“ und „Watch It Burn“ aus der Szene nicht mehr wegzudenken, täte man der Band um Shouter Trevor Phipps Unrecht, sie nicht als Wegbereiter und Inspiration für viele neuere Bands zu respektieren. Und wie Darkest Hour lieferte das Quintett eine Show, die so auch vor 15 Jahren hätte stattfinden können. Gitarrist Ken Susi erklomm mehrfach seinen Verstärker samt Box, um im hohen Bogen davon herunterzuspringen. Phipps gab sich publikumsnah und verteilte Handshakes im Publikum, während Bassist Chris O’Toole zusammen mit Gitarrist Buz McGrath sich entweder den Kopf wund moshte oder durch Highjumps brillierte – alles sauber und satt untermalt durch Nick Pierce´ Drumpatterns.

“Death To False Metalcore” war an diesem Abend keine leere Worthülse. Alle Bands zelebrierten das Genre in ihrem Ursprung perfekt und erinnerten eindrucksvoll daran, dass man mit Shouts, geschrammelten Akkorden und ein paar Breakdowns noch lange keinen Stich im Metal(!)core landen kann. Es kommt eben nicht auf die Größe an, sondern auf die Technik.



Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Quinten Quist
Offizielle Website der Band
Alle aktuellen News von MoreCore.de

Kommentare