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Interview

Trümmer im Interview: „Es gab nie den Punkt, an dem wir das Projekt hinterfragt haben“

Frontmann Paul Pötsch über das neue Album.

VON AM 11/10/2021

„Früher war gestern“ lautet der Titel des neuen Albums der deutschen Rockband Trümmer. Nach einer langen Pause legen sie nun ihre dritte Platte nach. Wir haben die Gelegenheit genutzt und Sänger Paul Pötsch zu einem Plausch über das neue Album getroffen.

Wie er die Jahre seit dem letzten Album erlebt hat, welche Einflüsse den Sound der Band prägen und wie das neue Album entstanden ist, erfahrt ihr im folgenden Interview. Und falls euch außerdem interessiert, wie die neue Platte in unserer Kritik abgeschnitten hat, dann schaut doch mal hier vorbei.

Sänger Paul Pötsch von Trümmer im Interview

Kevin | MC: Wie geht es dir zur Zeit? Wie geht es der Band und wie hast du die vergangenen Wochen erlebt? Es ist ja wirklich einiges passiert.

Paul: Wir waren alle ziemlich aufgeregt, da wir für Musikindustrieverhältnisse eine recht lange Pause eingelegt haben. Auch wenn wir alle währenddessen musikalisch aktiv waren. Wir waren eben nur als Trümmer nicht aktiv. Insofern waren wir alle sehr gespannt, wie die Resonanz sein wird, wie die Platte ankommt und ob das überhaupt noch jemanden juckt usw. Und siehe da: es hat Leute gejuckt. Jetzt hoffen wir, dass wir auf Tour gehen können! Das wollen wir sehr und bereiten uns darauf vor.

Kevin | MC: Du hast es schon angesprochen – es gab eine größere zeitliche Lücke, hat sich das in der Band bemerkbar gemacht?

Paul: Wir sind ja alle sehr gut befreundet und waren auch ständig in Kontakt. Es war auch von Beginn an klar, dass wir mit der Band weitermachen werden. Es gab nie den Punkt, an dem wir das Projekt komplett hinterfragt haben. Wir haben uns ja 2012 gegründet und hatten dann bis 2016 durchgängig zu tun. Wir waren sozusagen durchgängig auf der Piste. Waren auf Tour, haben viele Festivals gespielt, Theatermusik gemacht und hatten eigentlich nie wirklich eine Pause. Als dann die zweite Platte heraus kam, hatten wir so einen leichten Ermüdungseffekt und mussten einfach etwas verschnaufen.

Außerdem begann damals ja bereits der Diskurs darüber, dass es Zeit wird, männliche Privilegien wie z.B. die Omnipräsenz männlicher Erzählperspektiven in der Musik zu hinterfragen, und ich muss gestehen, dass es auch für mich einen Punkt gab, an dem sich das Konzept der vierköpfigen Männerband erschöpft hatte. Lustigerweise habe ich zu dieser Zeit Ilgen Nur kennengelernt in Hamburg und hab mit ihr begonnen Musik zu machen. Mir hat das sehr gut getan, einfach als Instrumentalist auf der Bühne zu stehen.

Bei Helge, unserem Gitarristen, war es ähnlich, der hat ja hauptsächlich Musik produziert. Hat die ersten beiden Leoniden-Alben produziert und auch alle unsere Platten. Unser Bassist Tammo hat sein Label ausgebaut, das Euphorie-Label. Jeder hat also Expertise gesammelt und jetzt ist es so, dass das alles auf die Band zurückwirkt. Es war so, als hätte man sich in alte Freunde neu verliebt.

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Kevin | MC: Was war der Auslöser, die Band zu reaktivieren?

Paul: Es gibt ja auf der Platte sehr viele Trennungslieder, denn ich hatte eine sehr schwere Trennung zu verarbeiten. Irgendwann hatte ich angefangen, nachdem ich gut zwei Jahre sehr am Boden zerstört war, darüber zu schreiben und das Ganze musikalisch zu verarbeiten. Wir trafen uns zunächst gänzlich ohne Druck, um die Demos die in diesem Verarbeitungsprozess entstanden sind, gemeinsam zu spielen. Zunächst wollten wir daraus nur eine EP machen, um den Druck rauszunehmen, dann hatten wir allerdings recht viele Songs und haben gesagt: „Lasst uns zwei EPs machen“. Dann war uns aber schon klar, dass es ein Album wird und um uns selbst etwas auszutricksen, haben wir uns die ganze Zeit gesagt, dass es bei zwei EPs bleibt. Und so waren wir zwar einerseits sehr entspannt aber anderseits super konzentriert, vielleicht so konzentriert, wie noch nie. Das Tolle war, dass wir es niemandem gesagt haben, dass wir an neuem Material arbeiten, wir haben es einfach für uns selbst gemacht, und natürlich ist es dann ein ganzes Album geworden.

Kevin | MC: Das nimmt sicher den Druck von außen noch einmal raus, oder?

Paul: Wir hatten zur zweiten Platte sehr großen Druck! Die erste Platte wurde ja sehr gut besprochen und ging durchs Feuilleton und große Zeitungsberichte usw. So waren die Erwartungen an die zweite Platte sehr groß. Ich glaube, dass die zweite Platte ein paar Leute irritiert hat, da sie vom Sound und den Texten her etwas anders war als die erste. Beides wollten wir damals aber bewusst so. Mit der dritten Platte ist es nun so, als würden wir an die Anfangstage anknüpfen, nur eben dass wir alle ein kleines bisschen weiser sind und vielleicht nicht mehr so dumm, wie man es mit Anfang 20 war. (lacht)

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Kevin | MC: Man hört, dass der Sound an sich beibehalten wurde und sich gleichzeitig weiterentwickelt hat. Würdest du sagen, dass eure Einflüsse unverändert geblieben sind?

Paul: Im Grunde ja. Wir wollten auch wieder mehr an unsere erste Platte anknüpfen. Eigentlich war es schon immer so, dass wir uns an englischen und amerikanischen Bands orientiert haben. Wir wollten eigentlich nicht so viel mit dem deutschsprachigen Indie-Sound zu tun haben. Ob uns das gelungen ist oder nicht, das muss die Person entscheiden, die die Platte hört. Aber die Einflüsse waren eigentlich schon immer Garage-Rock und Indie-Rock aus New York, The Strokes, oder auch die Londoner Schule Libertines und solche Bands. Aber auch ältere Bands, wie Buzzcocks und Blondie, The Clash, diese Bands, die schon immer eingängige, rockige Musik gemacht haben, aus dem Punk kommen, aber irgendwie auch immer auf interessante Art und Weise politische Themen verarbeitet haben.

Von The Clash gibt es z.B. den Song „Lost In A Supermarket“, wo es um Konsumkritik geht. Trotzdem ist das für eine Punk-Band ein sehr eingängiger Pop-Sound, den wir schon immer spannend fanden. Dass es edgy ist, aber nicht so verquer, dass es nur noch nischig ist. Das ist ein Spannungsfeld, das wir schon immer toll fanden und das haben wir auch noch einmal neu erkannt, dass es das ist, was wir können und wollen.

Kevin | MC: Du hast ja bereits gesagt, dass die Arbeiten rund 1,5 Jahre angedauert haben, das fällt ja auch in eine recht spannende Zeit. Hat euch das beeinflusst?

Paul: Das ist witzig, dass du das fragst. Ich war im letzten Jahr, im Februar und März in Leipzig und habe dort Theatermusik gemacht. Danach, im März, hatten wir gesagt, dass wir den ganzen Monat zusammen proben wollten. Zeitgleich begann der erste Lockdown. So kam es, dass wir zwar alle etwas konzentrierter waren, aber der Zeitraum war ohnehin fürs Proben geblockt. Das hat uns sicherlich gut getan, weil man noch mehr Zeit hatte, ich habe es aber tunlichst vermieden, Songs über Corona zu schreiben, oder Songs zu schreiben, wie es sich anfühlt, unter Corona zu leben. Ich finde, dass da noch garnicht genügend Zeit zur Reflexion vergangen ist. Vielleicht ist es aber trotzdem so, dass manche Zeilen dort unterbewusst reinwirken. Wir haben ein Lied auf der Platte, das heißt „Der Regen“ und da singe ich „Alles was heut’ noch ist, wird morgen schon nichtmehr sein“. Dabei geht es eigentlich um einen persönlichen Schmerz und um die Überwindung desselben, und als wir den Song aber gespielt haben, war der erste Lockdown und alles war zu. Da haben wir alle eine Gänsehaut bekommen. Das hätte vor einer Woche ja auch niemand gedacht. Das finde ich dann schon interessant, dass solche Dinge zufällig passieren.

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Kevin | MC: Das ist auch etwas schönes, dass Menschen mit dem Gehörten dann machen können, was sie wollen, wenn Songs erst einmal veröffentlicht sind, oder?

Paul: Das ist mir ohnehin extrem wichtig. Das Lied „Draußen vor der Tür“ ist schon ein ziemlich explizites AFD-Bashing. Aber ansonsten bin ich kein großer Freund davon Tagespolitik in Songs zu kommentieren, da solche Songs meiner Meinung recht schnell alt wirken. Ich finde es viel spannender zu versuchen, ein Lied zu schreiben, das auch nach zwei oder drei Jahren noch gültig ist.

Kevin | MC: Das ist spannend, dass du das sagst, ich habe vor ein paar Tagen auf eurem Social Media Kanal gesehen, dass es immer noch Menschen gibt, die sich für „Wo ist die Euphorie“ bedanken und da jetzt erst drauf stoßen, das spricht ja für genau diesen Sound.

Paul: Ich lese gerne Gedichte und interessiere mich für Lyrik, dabei gucke ich immer, was hinter den Dingen liegt und was das Gefühl ist, das gewisse Dinge, auch politische oder gesellschaftliche Vorgänge, in mir auslösen. „Wann wenn nicht“ zum Beispiel ist ein Song über den Klimawandel. Der Klimawandel löst bei mir viel Wut und Enttäuschung über die Politik und ihr Versagen aus. Aber gleichzeitig empfinde ich auch einen unabdingbarer Willen zur Veränderung. Ich versuche dann eher diese Gefühle freizulegen und diese zu betexten, als darüber zu singen, dass der Klimawandel an sich ein Problem ist. Ich glaube, über Gefühle zu singen macht solche Themen greifbarer und Songs sind dann etwas allgemeingültiger und können eben auch in denen, die sie hören, etwas auslösen. Ton Steine Scherben können das zum Beispiel sehr gut, die berühren mich immer noch so sehr, weil sie an ein grundsätzliches, menschliches Gefühl appellieren.

Kevin | MC: Anschließend an den Release kam ja auch das Reeperbahn Festival. Wie war das Gefühl wieder aufzutreten und auch die erste Live-Resonanz?

Paul: Ich war schon wirklich sehr aufgeregt, obwohl ich ja in den letzten Jahren viel auf der Bühne stand, aber eben nicht als Sänger. Was ich auf keinen Fall wollte, war, dass es so eine Reunion-Nostalgie-Sache wird. In sofern war ich sehr froh, dass in Hamburg auch die neuen Songs schon sehr gut mitgesungen wurden. Das hat mich total gefreut und dass sie sich so gut eingliedern ins Set. Es ist so schwer das zu reflektieren, weil man auf der Bühne in einem ganz anderen Modus ist. Ich habe mich einfach gefreut, dass das so gut funktioniert hat und dass das alles geht mit um die 30. Einfach auf die Bühne gehen und losrocken. Ich weiß nicht, wie das in deinem Bekanntenkreis ist, aber bei mir gibt es schon Leute, die sagen: „Oh Mann, wir sind jetzt um die 30 und wir sind so alt!“ Ich beobachte das immer öfter und finde das so unnötig.

Ich lese gerade die Paul McCartney-Biographie und der ist jetzt wie alt?! Über 70?! Und bringt fast jedes Jahr ne Platte raus. Es war einfach schön zu sehen, dass man diese Energie, die man mit Mitte 20 hat, dass man die immer noch besitzt. Und dass die Musik auch heute noch den Leuten etwas bedeutet und dass es nicht auf eine gewisse Lebensphase beschränkt ist.

Kevin | MC: Konntest du auch erkennen, wie das Trümmer-Punlikum strukturiert ist? Sind das Leute, die sich in ähnlichen Phasen befinden, wie ihr?

Paul: Also das war schon immer das coole bei uns, dass das Publikum super durchmischt ist. Du hast wirklich sehr junge Leute, du hast Leute in unserem Alter, um die 30, aber auch immer ältere. Du hast Punks, Hipster, Indie-Leute, Pärchen, Plattensammler, es ist eine große Schnittmenge von verschiedenen Leuten und das freut mich sehr.

Kevin | MC: Schauen wir mal in die Zukunft. Du wirst jetzt gleich die Tour ankündigen, was doch echt spannend sein muss. Wie gehts dir denn jetzt kurz vor der Veröffentlichung?

Paul: Ich denke, dass einerseits die Lust sehr groß ist auf Shows zu gehen, andererseits fragt man sich berechtigterweise, ob die überhaupt stattfinden. Ich hoffe, dass wir den Leuten ein Angebot machen können, dem sie vertrauen können, dass es eine pandemisch sichere Show ist, auf der man trotzdem Spaß haben kann.

Kevin | MC: Und noch weiter in die Zukunft gedacht? Gibt es dort schon neue Pläne?

Paul: Wir haben jetzt gemerkt, dass wir mit der neuen Platte einen sehr guten Aufschlag gemacht haben, die wurde überwiegend gut besprochen. Nach dieser vergleichweise erwachsenen Platte wollen wir dann im kommenden Jahr etwas entschieden Rockigeres zu machen. Wir haben alle gemerkt, dass wir uns da noch weiter entwickeln wollen. Weg von dem Hamburger Schule Sound, und generell noch mehr an Sounds arbeiten. „Lebensbejaende Rocksongs“ ist momentane Arbeitstitel für die neuen Sachen. (lacht)

Kevin | MC: Das spielt vielleicht auch sehr gut in die Zeit, in der Genre immer weiter aufgebrochen werden, als das vielleicht 2014 noch der Fall war.

Paul: Ja, das ist so! Ich komme aus einer Zeit, in der auf dem Schulhof klar war, okay, das ist ein Hip-Hopper, oder HipHopperin, das ist ein Goth, das ist ein Indie-Typ. Das ist ja komplett aufgeweicht, und das ist auch gut so! Anderseits haben mittlerweile selbst die Identitären, die scheiß Hipster-Faschos, mittlerweile Röhrenhosen und coole Caps an. Es ist also nicht mehr so leicht vom Style auf die Haltung zu schließen, wie es vielleicht mal der Fall war. Aber zurück zur Musik: Die Aufweichung von Genres empfinde ich eher als Chance. Ich habe früher auch immer heimlich Soul und so gehört und jetzt spielt das einfach keine Rolle mehr, was für Musik man mag, Hauptsache, sie ist gut – Das sehe ich eher als Chance denn als Verlust.

Foto: Trümmer / Offizielles Pressebild

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