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Interview

Pinhead: Auf den Spuren von Sleep Token, Deftones und The Dillinger Escape Plan

Der The Hirsch Effekt-Bassist über sein neues Solo-Projekt.

VON AM 04/07/2023

Es ist nicht immer ganz zu erklären, warum gewisse Bands so einschlagen, wie sie es tun oder gar eine Art Renaissance erleben. Sleep Token oder auch die Deftones sind per se nicht die zugänglichsten Bands. Während der derzeit erfolgreichste Song der einen über sechseinhalb Minuten lang ist, waren die anderen schon zu ihrer Hoch-Zeit die eher artsy Alternative zum Nu Metal der 90er und 2000er. Dennoch werden beide Bands vor allem auf TikTok für ihren melancholischen, sinnlichen Sound gefeiert. “Es geht alles so schnell und explodiert so dermaßen, dass es nicht ganz zu begreifen ist, warum Menschen gerade Zugang zu so einer Musik finden”, fragt sich auch Ilja John Lappin. Der The Hirsch Effekt-Bassist hat kürzlich mit Pinhead sein neues Solo-Projekt an den Start gebracht zu fischt damit zwischen den Extremen: der Melancholie von Sleep Token, A Perfect Circle oder den Deftones und der Aggressivität von Bands wie The Dillinger Escape Plan.

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Pinhead: Den eigenen Weg finden und gehen

Es hat etwas Befreiendes, wenn man seinen Kopf durchsetzen kann, ohne Rücksicht auf die Meinung anderer nehmen zu müssen. Seit 15 Jahren ist Ilja John Lappin Teil von The Hirsch Effekt. Die Artcore-Band veröffentlicht seit jeher unermüdlich Album um Album, EP um EP. Als Pinhead geht Lappin nun eigene Wege und bedient dabei Elemente und Themen, die er so bislang nicht adressieren konnte. Lappin, der bilingual finnisch und englisch aufgewachsen ist, fiel es schon immer schwer auf Deutsch zu texten – eine der Kerneigenschaften von The Hirsch Effekt.

“Englisch war für mich immer eine Muttersprache und ich konnte bei den Hirschen nie auf Englisch dichten, weil wir unsere Texte eben auf Deutsch verfassen”, erklärt Lappin. Das Konzept nach all den Jahren anzupassen, würde in seinen Augen nicht funktionieren. “Deswegen habe ich ein Projekt gebraucht, wo ich das loskoppeln und auch persönlicher werden kann.”

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Mit “Violetor” erschien Anfang des Jahres die erste Single von Pinhead. Ein fast siebenminütiger Prog-Song, der zugleich die weiten musikalischen Sphären abdeckt, die Lappin mit diesem Projekt bedienen möchte. Härterer Prog Rock und Metal, der auf elektronische Elemente trifft, manchmal auch ganz ohne Gitarren und Geschrei. Die gibt es wiederum in “Lapse” sehr prominent und ohne Rücksicht auf Verluste. Der Song handelt davon, wie Lappin aus der religiösen Bubble, in der er aufgewachsen war, ausgebrochen ist – letztendlich auch der Grundstein für das thematische Konzept, das Pinhead verfolgt: die persönliche Individuation, das sich selbst finden in einer Welt, die zunehmend digitalisiert wird.

Ilja John Lappin: Ein Neuanfang

Wenn man so will, ist Pinhead für Ilja John Lappin auch ein Neuanfang als Solo-Artist. Pinhead steht dabei nicht nur stellvertretend für seine Liebe zur Hellraiser-Reihe und dem legendären Antagonisten mit dem gleichen Namen. Auch mit der deutschen Übersetzung (“Dummkopf”) kann er sich durchaus anfreunden, da er sich selbst gar nicht so ernst nehme. Dass Pinhead auch eine gewisse Verbindung zu seinem Nachnamen hat, nimmt er natürlich gerne mit.

Schon 2013 veröffentlichte Lappin unter seinem bürgerlichen Namen Songs, die er in abgewandelter Form in seinem neuen Projekt aufgreift. So gibt es eine alte Akustik-Version von “Violetor” oder eine elektronische Variante von “In Recent Times” unter dem Namen „All Alone In This Empty Space“. Letzterer erschien kürzlich allerdings in seiner ursprünglich angedachten Version, nämlich als Progressive Metal-Song. “Ich mag diese alten Werke, die ich unter meinem Namen rausgebracht habe, überhaupt nicht mehr”, gesteht Lappin. Er sehe diese Phase als eine des Herumprobierens an und auch aus der Motivation heraus, Ideen nicht gänzlich auf Festplatten verstauben zu lassen. “Das war mir damals alles nicht sonderlich wichtig, da es auch kein Konzept gab. Es waren eher lose Fragmente”, erklärt er. Mit Pinhead hat er nun die Chance, auch ältere Ideen nochmal neu zu bewerten und in ein neues Gewand zu hüllen.

Dass er die allermeisten Instrumente und natürlich den Gesang selbst einspielen kann, kommt dem Songwriting und der Produktion natürlich nur zu Gute. Lediglich an den Drums (Simon Schröder), bei ein paar Klavierpassagen (Christopher „Marzi“ Peyerl), sowie im Aufnahmeprozess (MixBerlin) hatte er sich externe Hilfe geholt. “Alles ganz alleine zu machen finde ich viel zu hart und es ist auch gut, sich Hilfe zu holen, denn ich arbeite auch gerne mit Menschen zusammen.”

 

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„Ich habe das vorher noch nie so gemacht“

Auch, wenn Lappin schon einige fertige Songs geschrieben hat, will er das Projekt schrittweise vorantreiben und das Ganze eher auf ihn zukommen lassen. “Für mich ist es Neuland nur mit Singles zu arbeiten. Ich habe das vorher noch nie so gemacht”, gibt er zu. Entsprechend wolle er zum jetzigen Zeitpunkt keine Versprechen bezüglich eines Album-Releases oder Live-Shows geben, sondern eher mit der Resonanz gehen. “Ich habe zunächst beschlossen, den Internet-Weg zu gehen”, stellt er klar. Auch, weil er noch nicht abschätzen konnte, wie das Feedback, auch aus der The Hirsch Effekt Fanbase, ausfallen würde und weil durch die Pandemie schwierig abzuschätzen sei, wie lebendig die Underground-Metal-Szene derzeit überhaupt sei. Im Grunde würde eine Tour auch nur Sinn im Rahmen eines Releases machen. “Es gibt vieles, was ich mir vorstellen kann und ich würde mir wünschen, wenn die Leute Interesse an diesem Act finden. Aber es ist nichts in Stein gemeißelt und gerade das finde ich sehr spannend.” Dass er mit seinem Sound durchaus den Zahn der Zeit trifft, dürfte sicherlich nicht hinderlich sein.

Foto: Christoph Eisenmenger / Offizielles Pressebild

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