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Nu Metal: Die seltsame Geschichte eines Genres

Eine Reise durch die Musikgeschichte.

VON AM 24/05/2022

Nu Metal und Wrestling hatten schon immer viel gemein. Vor allem die WCW und die damalige WWF beziehungsweise WWE glänzten in den 1990ern und 2000ern mit allerlei bizarrer Outfits, übermäßigem Testosteron und einem Hang zum Sexismus.

Um möglichst viel Aufmerksamkeit für ihre Sendung zu erhalten, überlegten sich die beiden damals größten Wrestling-Shows während der berühmt berüchtigten “Attitude Ära” immer skurrilere Storylines und Gründe, wieso sich Männer wie The Rock, Goldust, “Stone Cold” Steve Austin, Al Snow, Val Venis, Kane, Goldberg oder The Undertaker in der nächsten Folge auf die Nase hauen sollten. In bester Jerry Springer-Manier wurde es von Woche zu Woche verrückter und geschmackloser, sodass der eigentliche Kern der Sendung, das Wrestling, mehr und mehr aus dem Fokus geriet.

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Zeitlich parallel erkämpfte sich eine neue Generation Bands ihren Platz im „alternativen Mainstream“, indem sie vorhandene Genrekonventionen (mehr oder minder) neu definierten und vor allem viele Hip-Hop-Einflüsse in ihrem Sound integrierten. Klar, auch schon vor Korns Selftitled-Debüt, das 1994 quasi das Genre gründen sollte, gab es Crossover- Bands wie Body Count, Rage Against The Machine oder Biohazard. Doch Limp Bizkit, Linkin Park, Papa Roach und Slipknot definierten sich nicht nur über sehr wütende, persönliche Lyrics, sondern auch über einen markanten Kleidungsstil, der von Baggy Pants und Red Caps über Dickies Workwear bis hin zu Masken und Gefängnisuniformen reichten und gewisse Gimmicks aufgriffen, die von den Fans dankend angenommen wurden.

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In den 1990ern und 2000ern fand der, wenn man so will, „jugendlichere Metal“ seinen Weg durch MTV und Co. in den Mainstream. Plötzlich waren Songs wie „Rollin'“ oder „Youth Of The Nation“ in den Single-Charts, während Linkin Park reihenweise Echos, Grammys und MTV Awards abräumten. Alles schien möglich, sogar wahnwitzige Kollaborationen wie die der Anger Management Tour, die Künstler wie Eminem, Limp Bizkit, Papa Roach, Xzibit und DMX auf gemeinsame Reise schickte. Heutzutage irgendwie schwer vorstellbar, damals aber absolut gängig, wenn man nur an die diversen Rap-Features denkt, die Limp Bizkit vor allem auf „Significant Other“ und „The Chocolate Starfish and The Hot Dog Flavored Water“ anboten.

Nu Metal: Was, die gibt es noch?

Waren sich Rap und Metal anfangs sehr einig, entfernten sich die Pioniere mit der Zeit von ihrem anfangs aggressiven Sound und zerstreuten sich ab Mitte der 2000er förmlich in alle musikalischen Himmelsrichtungen. Schwebten die Deftones ohnehin schon früh in anderen Sphären (und wollten mit dem Label Nu Metal sowieso nie etwas zu tun hatten), bewegten sich Limp Bizkit mit „Results May Vary“ und Papa Roach auf „The Paramour Sessions“ in eher Alternative Rock-Gefilden und gaben sich stellenweise sogar recht handzahm. Korn experimentierten 2007 mit ihrem „MTV Unplugged“-Album, um 2011 mit ihrem Ausflug in Richtung Dubstep viele Fans zu verstören. Auch Linkin Park wagten auf „Minutes To Midnight“ etwas Neues, um dann mit “A Thousand Suns” möglicherweise ihrer Zeit voraus zu sein, bevor Bands wie Bring Me The Horizon den modernen Rocksound neu definierten.

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Disturbed, ebenfalls nie Fans der Nu Metal-Zuordnung, bewegten sich schon ab „Believe“ in Richtung Heavy Metal, während sich nur eingefleischte Incubus-Fans an deren “wilde Zeit” vor den Hits wie “Drive”, “Pardon Me” oder “Love Hurts” erinnern. Selbiges gilt für Staind, die zwar von Fred Durst entdeckt wurden, aber schon 2001 mit “Break The Cycle” eine gewisse Nähe zum Radio-Rock (“It’s Been A While”, “Outside”) pflegten. Slipknot hingegen gönnten sich nach “Vol. 3: (The Subliminal Verses)” eine kurze Auszeit, um mit dem Folgealbum “All Hope Is Gone” die weltweiten Album-Charts zu stürmen und damit auch einen großen Schritt in Richtung der Metal-Big Player zu machen, die sie heute zweifellos sind.

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Andere Vertreter:innen des Genres hatten dagegen eine sehr geringe Halbwertszeit: Crazy Town, Drowning Pool, Kittie, Static-X, Earshot, Dope, Mudvayne, Nonpoint oder auch P.O.D. konnten nie mehr an ihre (mehr oder minder großen) Erfolge anknüpfen. Beobachter:innen stellen deswegen regelmäßig mit Verwunderung die anhaltende Existenz genannter Bands fest, zumindest dann, wenn man dem Ganzen längst entwachsen sei, so wie es viele gerne behaupten, die ja vermeintlich eh nie etwas mit dem “kleinen bösen Stiefbruder” anfangen konnten, für den man das Genre immer gehalten hat.

Nu Metal is dead, long live Nu Metal

Wie so viele andere Trends und Genres (Hallo 90er! Was geht ab, Pop-Punk? Emo, du auch wieder da?) scheint auch der Nu Metal und Crossover-Sound in all seinen Facetten eine Renaissance zu erleben. Stray From The Path machen keinen Hehl daraus, dass sie der perfekte Support für Rage Against The Machine wären. Code Orange, Ghøstkid und Cane Hill können soundtechnische Einflüsse von Rob Zombie und Marilyn Manson kaum von der Hand weisen, während Blood Youth und Vein.FM zeitweise an die frühen Slipknot erinnern. Landmvrks sind längst für ihren Rap-beeinflussten Metalcore bekannt, während Tetrarch, From Ashes To New, Fever 333, Wargasm (UK), Ocean Grove oder Oxymorrons allesamt ihre eigene Interpretation des Genres liefern.

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Doch auch die alten Bekannten, zumindest die größten Namen unter ihnen, liefern auch heute noch. Korn veröffentlichen unermüdlich Album nach Album, wie zuletzt mit „Requiem“ das 14. in fast 30 Jahren Bandbestehen. Papa Roach erfinden sich auch auf „Ego Trip“ neu, arbeiten mit jungen, gehypten Künstlern wie Sueco und Jeris Johnson zusammen und machen auch auf TikTok eine gute Figur. Slipknot könnten passend zum Knotfest Germany 2022 schon das siebte Studioalbum in der Tasche haben. Die Deftones zählen zu den Main Acts auf der Mandora Stage bei Rock am Ring und Rock im Park 2022 und haben mit ihrem Sound alleine eine ganze Reihe an Bands wie Loathe, Don Broco, Moodring oder cursetheknife inspiriert.

 

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Dieser eine Freund, der immer aus der Reihe tanzt

Und Limp Bizkit? Zugegeben, Fred Durst legte letzten Sommer beim Lollapalooza einen herrlich bizarren Auftritt hin als er, passend zum Song „Dad Vibes“, im alte-Herren-Look auf die Bühne trat, während seine Kollegen – allen voran Wes Borland – in gewohnter Montur unterwegs waren. Ob er nun völlig den Verstand verloren hatte? Fred Durst gehörte sicherlich nie zu den beliebtesten Figuren der Generation Nu Metal. Allerdings schafften es Limp Bizkit mit nur einem Auftritt zum Trending Thema auf Twitter zu werden und ihre Streamingzahlen ordentlich anzuheizen – und das lang, bevor das neue Album „STILL SUCKS“ angekündigt wurde.

 

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Dieses wiederum sorgte nicht bei allen Fans für Jubelstürme, war aber immerhin der erste Output nach zehn Jahren, während ein weiteres Album längst angekündigt wurde. Bleibt nur die Frage, ob es noch in dieser oder in der nächsten Nu Metal-Welle erscheinen wird. Aber wie sagte der Undertaker kürzlich bei Wrestlemania 38: “Never say never”.

Bild: YouTube / „Limp Bizkit – Break Stuff“

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