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Interview

Rolo Tomassi: „Unsere Musik ist immer eine Reflektion dessen, was wir selbst mögen.“

James Spence im Interview.

VON AM 20/02/2022

Keyboarder James Spence ist maßgeblich für den Sound des neuen Rolo Tomassi-Albums „Where Myth Becomes Memory“ verantwortlich. Wie nie zuvor ist der Sound der Band von Pianoklängen geprägt und offenbart Ansätze, die auf Spence zurücklaufen. Im Interview spricht der Keyboarder von Inspiration außerhalb der Metalszene und dem Ansatz, der das neue Album so besonders macht.

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Hohe Erwartungshaltung

Rolo Tomassi bewegen sich frei von Genregrenzen, was auch auf „Where Myth Becomes Memory“ schnell klar wird. Dennoch stand die Band in der Schaffungsphase unter Druck. Nicht etwa, um einen Zeitplan einzuhalten, sondern weil „Time Will Die And Love Will Bury It“ die Messlatte enorm hoch gelegt hat. Der Druck, dem sich die Band aussetzen musste, kam viel mehr von einer Erwartungshaltung, das eigene Level zu halten, so James. „Es ist ungewöhnlich, wenn man nach fünf Alben plötzlich eine so große Aufmerksamkeit bekommt. Wir waren ehrlich gesagt überrascht darüber. Der Druck ist jedoch schnell übergegangen in die Ambition an dieses Album anzuknüpfen und hat uns wenig gestresst.“

Über die letzten zehn Jahre hat sich der Sound der Brit*innen dabei stark verändert. Von Nintendocore beeinflusst waren es immer auch Jazz-Elemente, die Einzug in ihre Musik fanden. „Where Myth Becomes Memory“ klingt jedoch erneut anders. „Unsere Musik ist immer eine Reflektion dessen, was wir selbst mögen. Die musikalische Entwicklung ist also eine natürliche, denn haben uns alle als Menschen auch verändert.“ Für James ist der Sound von Rolo Tomassi im Jahr 2022 besonders von einem Aspekt geprägt. Dem Piano.

Neoklassik & Mathcore

Darüber hinaus ist es Neoklassik, die Spence am meisten beeinflusst hat. Pianisten, wie Joep Beving, Nils Frahm und Olafur Arnalds haben einen großen Einfluss darauf gehabt, was bei „Where Myth Becomes Memory“ hin und wieder in kurzen Passagen durchblitzt. „Es sind ganze Parts auf dem Klavier entstanden, was für uns alle ein ganz neuer Ansatz war“, so Spence. „Ich höre fast nur diese Musik und habe festgestellt, dass unsere Arrangements gar nicht so weit weg von dem sind, was diese Komponisten machen. Nur dass wir das ganze mit Schlagzeug, Gitarre, Bass und Gesang umsetzen.“ Es war die „wahrhafte Reflektion“ der eigenen Einflüsse, die somit auf das neue Album eingeflossen sind. „Ich liebe den Sound der Klaviermechaniken“, so James, der genau diesen Sound auch auf das neue Album bringen konnte.

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Besonders beeinflusst von Nils Frahms „Felt“ versuchte er mit einem extra Fell, das Klavier so zu präparieren, damit man diese Mechaniken noch besser hört. „Auf diesem Album gab es Anleitungen, wie Frahm diesen Sound entwickelt hat, was mich unfassbar begeistert hat.“ Mit einer ausgeklügelten Mikrofonierung und Experimentierfreude gelang es so überraschend schnell den gewünschten Sound zu kreieren, wie James sich erinnert. „Ich dachte es würde schwierig werden, aber es klang direkt ziemlich genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.“

Kontraste

Am Ende ist „Where Myth Becomes Memory” ein Album, das so nah an dem ist, wie Rolo Tomassi wirklich klingen wollen. Ein Wechselspiel der Kontraste, die zwischen harten, vertrackten Metalriffs und sanftem, minimalistischem Klavierspiel wechseln. Die Herausforderung, diese Kontraste in einen Flow zu bekommen, sorgte für eine intensive Auseinandersetzung mit der richtigen Reihenfolge der Songs. Am Ende sieht James das Album als ausdrucksstark und gut durchdacht, wenn auch es auf den ersten Blick im Vergleich mit „Time Will Die And Love Will Bury It“ möglicherweise etwas weniger kohäsiv wirkt.

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Doch um die Musik von Rolo Tomassi vollständig zu begreifen benötigt es für viele Menschen Zeit sich mit dieser intensiv auseinanderzusetzen. Die Aufmerksamkeitsspanne jedoch sinkt, was sich auch in immer kürzeren Singles und TikTok Videos vermehrt zeigt. James ist sich dessen bewusst, dass viele diese Zeit nicht in die Musik der Band investieren werden. Wer diese Zeit nicht findet oder investiert, sei selbst schuld.

„Dennoch gibt es unterschiedliche Gründe und Wege, um Musik zu mögen. Menschen sind verschieden. Ich selbst mag es, wenn ein Album anspruchsvoll ist. In manche Alben muss man diese Zeit dann investieren. Aber ich mag auch leicht verdauliche Popmusik, die man direkt mitsingen kann. Am Ende des Tages gibt es aber genug Menschen, die ihre Zeit investieren und genau diese Menschen kommen auch auf unsere Shows und kaufen eine Platte.“

Vinylhype in der Musikindustrie

Platten sind momentan jedoch ein rares Gut, was auch durch Großauflagen der Major Labels befeuert wurde. „Es gibt etliche Punk- und Hardcore-Bands, die momentan deshalb keine Platten machen können. Das sind die Bands, die dieses Medium vor 15 Jahren noch am Leben gehalten haben. Es ist hart genug durch die Pandemie, doch diese Tatsache macht es noch viel schwieriger für Underground Bands. Es ist eine weitere Hürde, die man bedenken muss.“

Warum es keine neuen Presswerke gibt, ist auch für James Spence fraglich. „Auf der anderen Seite ist es nicht gut für die Umwelt und mit großem Investment verbunden. Dennoch wundert es mich, dass die ganze Musikindustrie von wenigen Presswerken abhängig ist.“ Für Rolo Tomassi jedenfalls ist diese Situation ohne eine Verschiebung der Platte ausgegangen. „Wir dachten uns bis Februar 2022 wird bestimmt wieder alles gut sein. Nunja, wir müssen nicht über die Situation gerade reden. Darüber hinaus sind wir einfach glücklich, dass wir dieses Album veröffentlichen konnten und sind in voller Vorfreude, es auch in Deutschland auf die Bühne zu bringen.“

Foto: Andy Ford / Offizielles Pressebild

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