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MTV ist tot – Abschied von einem alten Freund
Warum das Ende der Musik-Channels konsequent ist – und trotzdem weh tut.
VON
Maik Krause
AM 13/01/2026
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MTV is dead! Zum Jahreswechsel schaltete MTV seine letzten verbliebenen Musik-Channels ab. Damit endete ein wichtiges Kapitel der Musikgeschichte, doch der Schritt ist nur konsequent. Weh tut es trotzdem. Ein Kommentar.
MTV: Ein großes Stück Musikgeschichte
Es gibt diverse Bücher über MTV und den Einfluss des Musikfernsehens auf eine ganze (oder mehrere) Generation(en) an Musikfans. Doch das MTV, das 1981 mit “Video Killed The Radio Star” der Buggles an den Start ging, war schon lange nicht mehr das, was es mal war. Als ich die Meldung im Oktober 2025 vernahm, dass man die letzten fünf seiner Musik-Kanäle abschalten würde, war ich überraschend unüberrascht.
Ich bin Jahrgang 1990. Bei uns zu Hause lief immer Radio oder Musikfernsehen. Ob MTV, VIVA, samstags auch The Dome oder Top Of The Pops – Hauptsache Musik. Meine Eltern kauften regelmäßig CDs, vor allem die Bravo Hits. Bevor ich das Visions Magazin oder die Juice kennenlernte, hatten wir Bravo und Yam, in denen es sogar Poster von Papa Roach, Slipknot und Linkin Park gab.
Freitags fieberte ich bei den Chartsendungen mit und drückte Eminem, Metallica und HIM die Daumen, dass sie möglichst weit oben landen würden. Anastasia Zampounidis begleitete mich mit MTV Select bei den Hausaufgaben, während die MTV Video Music Awards (und andere Live-Shows) dafür sorgten, dass ich müde zur Schule ging. Auch Rock am Ring, mein erstes großes Festival, lernte ich durch MTV kennen. Markus Kavka, Sarah Kuttner, Christian Ulmen – die Heldinnen und Helden meiner Jugend.
Kult-Sendungen und legendäre Musikvideos
Natürlich gab es auch eine ganze Menge (witzigen) Trash. Dinge, die heute bei TikTok stattfinden, wurden damals bei I Bet You Will und Jackass gezeigt. Next, The Real World, Beavis and Butt-Head, Celebrity Deathmatch, Pimp My Ride… Wer schon immer mal wissen wollte, wie Rob Zombie oder Travis Barker wohnen, schaute sich einfach MTV Cribs an.
Doch auch, wenn viele der Shows Kultstatus erreichten, begeisterten mich vor allem die Musikvideos, die mich irgendwie noch näher an die Songs brachten. Als ich nachts das Video zu “Diamond Eyes” sah, rannte ich am nächsten Tag zum örtlichen Plattenladen und holte mir das gleichnamige Album der Deftones. Dasselbe bei “Best Of You” der Foo Fighters. Die Bilder zu “Hurt” von Johnny Cash jagen mir noch heute Tränen in die Augen, während mich “Boiler” von Limp Bizkit und “Paranoid Android” von Radiohead nachhaltig verstörten. “All The Small Things” von Blink-182, “Smells Like Teen Spirit” von Nirvana, “Fat Lip” von Sum 41 oder auch “I Write Sins Not Tragedies” von Panic! At The Disco – jeder Musikfan dürfte sofort die zugehörigen Bilder vor Augen haben.
Musikkonsum: Die Zeiten haben sich geändert
Aber nicht nur MTV, VIVA und Co. veränderten sich. Bravo Hits, Musikmagazine, selbst MP3s fühlen sich in Zeiten von Social Media und Short-form Content, Streaming und KI-generierten Zusammenfassungen von Informationen sehr weit weg an. Konnte man “früher” problemlos eine Liste von 20 Songs zusammenstellen, die wohl die meisten Menschen auf diesem Planeten kennen, sieht es heute doch ganz anders aus. Wie oft erwischt ihr euch dabei einen Artist mit zig Milliarden Streams zu entdecken, von dem ihr bis dato noch nie etwas gehört habt? Könnt ihr etwas mit Phonk, Hyperpop und Indietronica anfangen? Und wer führt eigentlich gerade die Deutschen Single-Charts an?
Musikkonsum ist durch das Internet und seine Technologien demokratischer geworden. Wenn man so will, haben wir uns dadurch von dem emanzipiert, was vor Jahren noch über wenige Kanäle auf die Massen losgelassen wurde. Was nicht im Radio, bei MTV, in den Zeitschriften oder auf CD-Samplern stattfand, hatte es bedeutend schwerer, Fans zu erreichen, als es heute ist.
Mir doch egal, was im TV läuft, wenn ich Netflix, YouTube und Co. habe. Was brauche ich Radio, wenn ich doch den Streaming-Dienst meines Vertrauens dabei habe. Und wieso sollte ich jemand anderen bestimmen lassen, was ich gut finde, wenn ich selbst auf die Suche gehen oder mir bequem eine Playlist anschmeißen kann, oder?
Die Bedeutung von Musikvideos
Das Musikfernsehen, das wir kannten und liebten, ist lange kein zeitgemäßes und rentables Angebot mehr gewesen. VIVA wurde Ende 2018 komplett eingestellt. MTV wechselte in Deutschland 2011 ins Bezahlfernsehen und kehrte zwar 2017 mit angehobenem Musikanteil zurück. Doch die (Medien-)Welt hatte sich seitdem stark verändert: 2014 starteten Netflix und Amazon Prime Video in Deutschland und (wohl nicht nur gefühlt) war die Nachfrage nach kuratierten Musiksendungen im TV kaum mehr vorhanden.
Auch Musikvideos haben längst nicht mehr den Stellenwert, wie sie es einst hatten. Bands werden überwiegend über Instagram und TikTok entdeckt, wofür es andere Inhalte braucht und Budgets entsprechend anders eingesetzt werden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Musikvideos gänzlich verschwinden müssen. Denkt man an den Aufwand, den Bands wie Architects, Turnstile oder Landmvrks betreiben, liegt der Verdacht nahe, dass nach wie vor an diese Kunstform geglaubt wird. Dass Spotify und Apple Music mittlerweile auch Musikvideos innerhalb der Apps anbieten, unterstreicht dies. Doch am Ende entscheiden auch hier die Nutzer:innen, ob solche Funktionen gebraucht werden. Tools wie MTV Rewind dürften Nostalgie- und Fans von Musikvideos aber sicherlich entzücken.
Am 31.12.2025 endete die MTV-Ära mit dem Song, mit dem sie einst begann: “Video Killed The Radio Star”. Die Frage, die sich nun stellt: Wer wird nun den Video Star umbringen?
Foto: Linkin Park / YouTube: „One Step Closer (Official Video)“
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