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Kommentar: Gar nix tutti in der Branche – unsere Abrechnung mit einem Artikel der taz

Setzen, Sechs.

VON AM 25/07/2020

Die Coronapandemie hält an und mit jedem Tag verlieren Akteure aus der Event- und Entertainmentbranche mehr und mehr von ihrer Existenz. Aber das ist nicht so schlimm, denn so filtert man ja und nur die wirklich wichtigen Dinge bleiben am Leben. So zumindest scheint die Ansicht von René Hamann aus der taz am gestrigen Tag im Beitrag „Ist da alles tutti?“.

Der Artikel hat nicht nur für hitzige Diskussionen gesorgt, sondern vielen Betroffenen so richtig ins Herz gestochen. Kein Wunder, dass eine Wut entsteht und die Menschen folglich zum Demonstrieren auf die Straße gehen.

Es stimmt, dass viele Jobs in der Branche unterbezahlt sind und mit einer gewissen Selbstverwirklichung getragen werden. Ob das eine Ausbeutung per se ist, wage ich zu bezweifeln. Viele Akteure aus besagter Branche brennen für ihren Job, sind glücklich und genießen viele andere Vorteile, die nicht monetär beglichen werden können. Geld macht eben nicht alleine glücklich.

Comeback Kid Corona Coronavirus Veranstaltungen Großveranstaltungen Konzerte Verbot BayernFoto im Auftrag von MoreCore.de: Karoline Schaefer (Cat Eye Photography)

Der Artikel liefert allerdings Fragen über Fragen, ohne Antworten oder Thesen zu offenbaren. Statt sich mit der Materie zu befassen wird auf die Umweltbilanz der “Eventbranche” verwiesen. Klar, eine Band aus den USA fliegt in der Regel mit dem Flugzeug. Die Logistik ist auch in der Eventbranche enorm wichtig und sorgt für eine wahrscheinlich nicht allzu positive Umweltbilanz. Doch wer hat die schon?

Im Fussball fliegt man doch auch nicht von Frankfurt nach Berlin, oder etwa doch? Und wie sieht es mit Journalisten aus? Ich erinnere mich daran erst letztes Jahr nach Paris und Kopenhagen geflogen zu sein, aber das ja nur weil ich Teil der bösen “Eventbranche” bin, die die Umwelt kaputt macht.

Das wird im Übrigen so kompensiert, dass Künstler zunehmend veganer werden und das Catering nur noch selten nicht vegan ist. Eben weil die Eventbranche eine so verdammt miese Umweltbilanz hat.

„Gilt nicht mehr die Faustregel aus den 80ern, je größer, desto mieser?“

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Wenn man allem Anschein nach in den 80ern stehen geblieben ist, mit Sicherheit. Doch befinden wir uns im Jahr 2020 und die Rede ist nicht zwingend von großen Veranstaltern und Eventmanagementfirmen, die auf die Straßen ziehen, sondern von Veranstalter/innen, die meist selbstständig und damit auf sich alleine gestellt sind.

“Ist nicht (…) eines der Probleme der Branche von jeher ihre Taubheit gegenüber Qualität und Kritik?”

Das Problem ist nicht zwingend die Taubheit gegenüber Qualität und Kritik, die am besten noch von Journalisten kommt, die offensichtlich keinerlei Einsicht in die Eventbranche haben. Stattdessen werden Stadtfeste, Schlagerparaden, Karnevalsfeiern und Mottoparties in einen Topf geworfen.

Ein Topf in dem auch Benefizveranstaltungen (Wer zur Hölle braucht schon Benefizveranstaltungen? Können Bedürftige nicht selbst Geld sammeln gehen?), etablierte und stark wirtschaftende Festivals (Scheiß auf Kultur! 35x Rock am Ring sind eh schon 10 zu viel!) bis hin zu Undergroundkonzerten (soziokulturelle Zentren und Begegnungsorte für Jugendliche? Scheiß drauf, die können doch PlayStation zocken oder wie die Daddelkiste heißt!) zu finden sind.

Rock am Ring Rock im Park Corona CoronavirusFoto im Auftrag von MoreCore.de: Karoline Schaefer (Cat Eye Photography)

Aber wie ihr merkt, sind das alles Dinge, die keinen Wert für Niemanden haben. Im Jugendhaus spielen eh nur Kackbands, Rock Am Ring ist wohl eher Pop am Ring und ohnehin nur Kommerz und auf die Benefizveranstaltung wäre man ja eh nur gegangen, um das eigene Standing zu polieren.

Dann lieber ins Theater, das hat immerhin noch Stil… oh Moment. Das Theater, Chöre, Orchester und Solomusiker gehören ebenfalls zur Eventbranche? So ein Mist aber auch. Naja, so wirklichen brauchen wir die Kultur in Deutschland eh nicht. Ist ja immerhin keiner dran gestorben, dass in den letzten Monaten keine Konzerte, Feste oder ähnliches stattgefunden haben. Also weiter machen.

Um es anders auszudrücken: Keiner benötigt Konzerte für den guten Zweck, wenn die Band scheiße ist. Wofür ein Dorffest, das mehreren Technikern eine Monatsmiete beschert? Und warum überhaupt ein so großes Festival wie Rock am Ring. Groß ist doch eh mies und Bands wie Green Day will man doch eh schon nicht mehr sehen. Also lieber gleich die ganze Branche dicht machen, da geht dieses Jahr nämlich eh nichts mehr.

“Ist da alles tutti oder sollte man eh mal darüber nachdenken, was in Zukunft noch gebraucht wird – und was endlich weg kann?”

Nix is tutti! Aber keine Sorge, denn abgespeckt wird automatisch. Wenn die Einnahmen für viele Soloselbstständige fehlen, bleibt am Ende nicht viel Geld für gutes Essen. Dazu der Stress der letzten Wochen und ruckzuck hat man „abgespeckt“.

Aber die Menschen aus der Eventbranche sind ja selbst schuld, lassen sich ausbeuten für etwas, für das sie mit Herzblut brennen. Das einzige was wirklich weg kann und durch die Publikation ein “Teil” der Eventbranche geworden ist, ist ein Artikel wie dieser von Ihnen, Herr Hamann.

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