I Prevail Trauma

Kritik: I Prevail – „Trauma“

Nur zweieinhalb Jahre haben I Prevail uns nach ihrem Debütalbum „Lifelines“ aus dem Jahr 2016 auf ein Nachfolgewerk warten lassen. Kaum ein Album einer Band, die (bisher) noch nie auch nur einen Fuß nach Deutschland gesetzt hat, wird so heiß herbeigesehnt, wie das zweite Album der Jungs aus Michigan. Nun ist es endlich da! „Trauma“ heißt die neue LP von I Prevail und kommt nicht mit schlappen 10, auch nicht mit lapidaren 11 oder 12, sondern mit sage und schreibe 13 neuen Songs daher. Da verzeiht man doch glatt die Wartezeit.

Nach einer Stimmbandverletzung von Sänger und Frontmann Brian Burkheiser war es einige Zeit nicht ganz klar, ob, wann und wie es mit I Prevail weitergeht. Nach überstandener OP kündigte Burkheiser dann aber die Arbeiten für Album Nr. 2 an und nach kurzer Freude darüber folgte die Warterei.

Gefühlt waren die Bandmitglieder das gesamte letzte Jahr im Studio und ließen immer mal wieder kryptische Ankündigungen zu einer „neuen Ära“ und „sehr persönlichen Songs“ durchklingen. Natürlich wurde darüber spekuliert, was genau das bedeutet. Wird das neue Album „härter“, oder wird es „softer“? Geht es in eine völlig andere musikalische Richtung als bisher oder bleiben sich I Prevail treu?

Ende Februar setze die Band den Spekulationen dann endlich ein Ende und veröffentlichte mit der Ankündigung zu „Trauma“ gleich zwei neue Songs namens „Bow Down“ und „Breaking Down“. Die Fans und diejenigen, die es noch werden wollen, konnten durchatmen und die quälenden Fragen beiseiteschieben. Denn mit diesen beiden Songs wird deutlich: I Prevail haben sich nicht verändert, sie sind lediglich erwachsener geworden.

„Bow Down“ und „Breaking Down“ sind in jeglicher Hinsicht richtungsweisend für das zweite Album der (aktuell) fünfköpfigen Band. Insbesondere die beiden Sänger Brian Burkheiser (cleaner Gesang) und Eric Vanlerbergh (Screams und seit neustem auch Rap-Parts) liefern sich, wie auch schon auf „Lifelines“ und der EP „Heart vs. Mind“ (2014), ein Duell um die Gesangs-Krone.

Doch auch bei den anderen Bandmitgliedern Dylan Bowman (Gitarre), Steve Menoian (derzeit Teilzeit-Bassist und Teilzeit-Gitarrist) und Gabe Helguera (Schlagzeug) erkennt man eine Weiterentwicklung zu früheren Songs. Das Zusammenspiel wirkt harmonischer und deutlich komplexer. Konnten in älteren Songs Strukturen und Riffs oft an ein oder anderer Stelle wiedergefunden werden, sind die Lieder und instrumentalen Parts jetzt ausgereifter und vielschichtiger.

Sehr viel präsenter als noch in den älteren Liedern sind auf „Trauma“ die elektronischen Sounds, was spätestens bei der dritten Vorab-Release „Paranoid“ zu hören war. Wo der alteingesessene I Prevail-Fan kurz innehält (um vermutlich danach doch wieder mitzunicken), wird beim Neu-Hörer das Interesse geweckt. Ohne penetrant zu sein, ziehen sich diese elektronischen Passagen durch einige der 13 Songs. Die bereits erwähnten neuen Rap-Parts von Vanlerberghe ergänzen diese Sounds hervorragend, was insbesondere in „DOA“ (steht für „Dead On Arrival“), „Goodbye“ oder „Low“ klar wird.

In Liedern wie „Paranoid“ oder auch „Rise Above It“ (feat. Justin Stone) hört man auf der einen Seite die von der Band angekündigte „neue Ära“ von I Prevail und auf der anderen Seite den bewährten Sound des Quintetts. Auch zeugen diese Songs wieder einmal mehr als deutlich davon, dass sich Genregrenzen in der heutigen Musikwelt verschieben und schwächer werden.

Wo solche Experimente mit neuen Sounds an anderer Stelle scheitern, schaffen I Prevail ein ausgesprochen gelungenes Zusammenspiel zwischen „Neu“ und „Alt“. Einigen, deutlich länger existierenden Bands gelingt das mit musikalischen Experimenten zum Teil nicht so gut. Wo diese ihre Fans enttäuschen, füllen I Prevail mit „Trauma“ eine Lücke.

Aber apropos „Alt“. Wer den Sound von „Lifelines“ lieben gelernt und gehofft hat, diesen auch auf „Trauma“ wieder zu hören, wird ebenso fündig. „Deadweight“ und „Hurricane“ zeugen eindeutig davon, dass I Prevail ihrer Linie grundsätzlich treu bleiben und nur hier und da mal ihre Fühler in eine andere Richtung ausstrecken. Dazu gibt es natürlich beispielsweise mit „Gasoline“ zwischendrin auch mal voll auf die Fresse oder mit „Every Time You Leave“ (feat. Delaney Jane) was fürs Herz.

Die insbesondere von Sänger Brian Burkheiser, der für die Lyrics zuständig ist, oft angemerkte persönliche Komponente des Albums sticht vor allem bei Liedern wie „Let Me Be Sad“ und „I Don’t Belong Here“ heraus, bei denen es dann auch melodischer und ruhiger zugeht. An dieser Stelle lohnt es sich einmal mehr, einen Gang zurückzuschalten und sich intensiver mit den Texten zu befassen. Doch auch die restlichen Tracks von „Trauma“ zeugen von starken Lyrics (allen voran „Breaking Down“, „Low“, „Bow Down“), durch welche nur noch mehr klar wird, wie viel Herzblut in dem Album steckt.

I Prevail haben mit „Trauma“ musikalisch einen Sprung nach vorne geschafft. Die Musiker haben sowohl sich selbst, als auch ihren Sound weiterentwickelt und gefestigt. Die 13 Tracks wirken zu Ende gedacht. Auch wenn sie mit „Lifelines“ 2016 schon ordentlich vorgelegt haben, ist „Trauma“ noch ein Spur ausgereifter. I Prevail habe es mit ihrem zweiten Album geschafft, noch einen drauf zu setzen und damit gezeigt, dass Weiterentwicklung und musikalische Experimente NICHT mit völliger Veränderung einhergehen müssen.

Wertung: 9/10

Band: I Prevail
Album: Trauma
Veröffentlichung: 29.03.2019

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