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Faszination Maximum The Hormone: Ungebändigte Live-Action auch elf Jahre später?

Das etwas andere Erlebnis.

VON AM 22/06/2022

“You don’t speak Japanese. We don’t speak your language. But music is one.” Wir befinden uns in der Kölner Live Music Hall bei der ersten Maximum the Hormone Show in Deutschland seit geschlagenen elf Jahren. In einer eindringlichen Ansage macht Sänger Daisuke Tsuda auf die Grenzenlosigkeit der Musik aufmerksam. Die vorangegangenen eineinhalb Stunden bilden dabei auch den eindeutigen Beweis für ihre Aussage. Das was die Urgesteine der J-Metalszene an diesem heißen Sommerabend entfesseln, ist unabhängig von jeglichen Konflikten in der Welt.

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Wenn eine Band nur gebrochenes Englisch spricht und ansonsten nur über wenige auf einem Spickzettel notierte deutsche Phrasen (“Ich bin ‘ne Kölsche Jung.”) kommunizieren kann, bekommt die Musik plötzlich eine viel größere Rolle als sonst. Auch das einfache Hochhalten der Devil Horns – die auch den gigantischen Banner der Band zierten – wirkt an Abenden wie diesen nicht wie ein einfacher Move, den man sonst auf Konzerten der härteren Gangart macht, sondern wie eine der wenigen Möglichkeiten eine Verbindung mit den Japaner*innen aufzubauen.

“Maximum mosh, maximum crowdsurf” – etwa made in Germany?

“In Japan, people can’t mosh. Can’t crowdsurf. But we’re not in Japan.” Maximum the Hormone zeigen sich sichtlich erfreut über ihre Rückkehr nach Deutschland. Schlagzeugerin Nao Kawakita kommt aus dem Grinsen hinter ihrem Drumset gar nicht mehr heraus, während sie ihr komplexes und brachiales Spiel mit nahezu frecher Gelassenheit hinlegt. Diese technische Brillanz sieht man nur selten bei westlichen Bands. Auch Bassist Futoshi Uehara slappt seine Lines mit absoluter Präzision beim Halbflug über die Bühne.

Gitarrist Ryo Kawakita ist bekannt für seine fast schon dämonischen Grimassen, die neben wuchtigen Riffs und wahnhaften Gesangseinlagen einen zentralen Teil seiner Performance bilden. Dass er diese auch bei Konzerten zeigt – und nicht nur in Musikvideos – dürfte sicherlich nicht nur uns ordentlich überrascht haben. Über all dem schwebt Sänger Daisuke Tsuda, der mühelos von Shouts zu Growls über Rap-Einlagen bis hin zu blitzschnellen Doubletime-Passagen alles komplett an die Wand nagelt. Gepaart mit dem mächtigen Bühnensound gibt es gefühlt nicht einen Handgriff, der an diesem besonderen Abend nicht sitzt.

Diese Außergewöhnlichkeit scheint mittlerweile nicht nur ein Nischenpublikum anzuziehen. Bei einem Blick durch die Zuschauerreihen ist die Live Music Hall mit einem ziemlich durchschnittlichen Metal-Publikum aus allen Altersklassen gefüllt. Der J-Metal hat in den vergangenen zehn Jahren längst seine Runden gemacht und Genrefans weltweit viele Facetten gezeigt, die unsere westlichen Bands erst gar nicht abbilden können. Es ist eine regelrechte Faszination um Bands wie Maximum the Hormone entstanden, die sich im Laufe der Zeit jedoch ein wenig verändert hat.

Eine Reise in die Vergangenheit: Maximum The Hormone in der Kölner Essigfabrik in 2011

Wie war es eigentlich beim letzten großen Anstandsbesuch unserer J-Metal-Helden? Um das herauszufinden, nehme man das herkömmliche, überaus gebräuchliche Verkehrsmittel aller „Revue-Passierer“: Die gedankliche Zeitmaschine. Etwas benommen von der holprigen Gedankenreise durch Raum und Zeit, finden wir uns diesmal vor der Kölner Essigfabrik wieder – und zwar im Jahre 2011! Als Maximum the Hormone –Fans durch und durch stellen wir uns eine Stunde vor Einlass in der 50 Meter langen Schlange an.

Die Stunde der Ungeduld ist überstanden und man betrete die heiligen Hallen der Venue. Im Eiltempo geht es für uns direkt an den Merch-Stand, doch die Enttäuschung ist groß, als wir feststellen, dass wir nicht lang genug durch die Zeit zurückgereist sind: Noch vor Showbeginn ist der Merch vollständig ausverkauft! Eigentlich nicht weiter verwunderlich, denn gefühlt befinden wir uns in einer lebendigen Japano-Bubble voller sympathischer Anime-Geeks. Und apropos “Anime”: Spätestens seit der deutschen Erstausstrahlung des Erfolgsanimes „Death Note“ in 2009 erlangte Maximum the Hormone als Soundtrack-Geber auch im deutschen Raum größerer Bekanntheit.

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Nicht nur Tadaga Jones reißen mit “maximalen Hormonen” die Hütte ab

Da Vorfreude – wie jeder weiß – die schönste Freude ist, stellen die Konzertgäste dies bereits bei der Vorband bestens unter Beweis. Die Franzosen von Tagada Jones sorgen mit rotzfrechen Shouts und schmissigen Tunes für ein Punkgelage der verwüstenden Art. Mit dieser Pre-Show hat die japanische Truppe in Sachen Stimmungsaufheizer alles richtig gemacht! Doch nun rollen unsere Ohrmuscheln den roten Teppich aus, während der Main Act die Stage der Essigfabrik betritt. Wenn der Puls schon vorher auf 180 war, dann würde der Pulsmesser uns spätestens jetzt am liebsten geradewegs ins Krankenhaus befördern, als das Quartett ihren Openingsong des Abends „What’s up, people?“ anstimmt. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu sagen, dass nicht nur die Band selbst, sondern gleich die Hormone ALLER Anwesenden augenblicklich völlig verrückt spielen.

Mit einer ausgewogenen Mischung aus 50% Bu-ikikaesu–Tracks und 50% eines Platten-Querbeets treffen die Japaner bei ihren Fans völlig ins Schwarze und sorgen dafür, dass selbst das erfahrenste Hardcore-Publikum und die krassesten Crowdsurf-Performer sich in diesen Augenblicken des Glücks fragen müssen: „Is this the real life? Is this just fantasy?“ Die Wucht der Menschenmenge ist so immens, dass es alles andere als ein Kinderspiel darstellt, die Füße kontrolliert am Boden zu behalten. Nach insgesamt 16 beachtlichen Tracks irgendwo zwischen Angstschweiß und MAXIMALER Dopaminausschüttung sind wir stolz und doch auch etwas froh, das Schlachtfeld somit als Sieger verlassen zu haben.

Back to 2022: Hat der J-Metal ausgedient?

Es ist nicht nur die Band selbst, die mit ihrem einmaligen Genre-Mix aus Hardcore, Punk, Ska, Funk und vielem mehr einen Hauch japanischer Magie auf die Bühnen der Welt zaubern. Auch die dahinterstehende Fanbase – die sich von genau dieser Magie mitreißen lässt – bewirkt, dass hinter Maximum The Hormone nicht bloß ein klassischer Live-Act, sondern ein unvergleichbares Live-Phänomen steckt. Doch wie geht es damit im Jahr 2022 weiter? Hat die Faszination am J-Metal und generell an der japanischen Musik-, Kultur- und Medienlandschaft weiterhin eine Zukunft? Einen großen Faktor dabei bildet die Veränderung des Konsumverhaltens.

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Während vor allem die Generation Y in den Spät-90ern und frühen 2000ern täglich auf RTL2 mit Animes wie Pokémon, Dragonball Z oder One Piece problemlos mit japanischen Medien in Berührung kam, fällt diese wichtige Bezugsstelle heutzutage gänzlich weg. Gleichzeitig bilden neue Phänomene wie K-Pop oder der Erfolg von asiatischen Streaming-Serien wie Squid Game einen neuen Gegenpol, der über TikTok, Netflix und Co. auch mehr auf die Generationen Z und Alpha zugeschnitten ist.

Im Ergebnis haben wir aber nur festgestellt, dass der Ansturm auf eine der J-Metal-Bands überhaupt weniger geworden ist. Dass die Show in einer kleineren Location nicht ausverkauft und das Publikum weniger nischig und mehr normal geworden ist. Letztendlich kann es durchaus sein, dass nachfolgende Generationen einfach nicht die gleiche Begeisterung für japanische Medien entwickeln werden. Das wird sicherlich die Zeit zeigen. Fest steht aber eins: Maximum the Hormone haben ihren Status als eine der wichtigsten Bands im Genre immer noch absolut verdient und können hoffentlich auch etwas früher als in zehn Jahren bei ihrer nächsten Deutschlandshow wieder das Publikum begeistern.

Ein Beitrag von Malin Jerome Weber und Cassandra Hillgruber

Foto: Maximum The Hormone / Offizielles Pressebild

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