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Live bei: Red Hot Chili Peppers in Köln (05.07.2022)

Mit der Rückkehr einer Gitarrenlegende.

VON AM 08/07/2022

Zu einem Zeitpunkt wie diesem sollten Tage wie dieser nicht selbstverständlich sein. Während wir den Weg vom Parkplatz zum RheinEnergieStadion zurücklegten und sich die Sonne langsam dem Horizont neigte, wurde uns die Besonderheit des bevorstehenden Konzertabends mehr und mehr bewusst. Dass die Red Hot Chili Peppers 2022 noch auf der Bühne stehen werden, stand vielleicht außer Frage. Aber dass sie das in ihrer legendärsten Besetzung mitsamt neuem Album und trotz Pandemie vor einem Publikum ohne Masken und Abstand tun würden?

Dass all diese glücklichen Zustände zusammenfallen würden, hätte man wahrscheinlich erst in den vergangenen Wochen vermuten können. Für ihre große Rückkehr hatten sich die Crossover-Legenden eine Menge an Specials ausgedacht. So konnte man sich weltweit auf eine unsäglich hohe Riege an Supportbands freuen, die sich jeden Abend gegenseitig die Klinke in die Hand geben würden. Ein einfacher Blick auf das Tourplakat konnte demnach schon für Schnappatmung sorgen, wenn man Acts wie Anderson .Paak & the Free Nationals, Beck und sogar die Strokes erblickte. Auch für ihren Tourstopp in Köln standen zwei hochkarätige Artists auf dem Menü.

Thundercat

Um Punkt 18 Uhr ging es also zunächst los mit dem Funk- und Fusion-Bassisten Thundercat, der das Empfangskomitee für die langsam eintrudelnden Gäste übernehmen durfte. Unangenehm unterdrückt wurden sein Sound und seine Virtuosität allerdings vom schlechten Bühnensound, der nicht mehr als undifferenzierten Matsch hervorbrachte. Im Versuch den jazzigen Sound stadiontauglich zu machen, klangen Tracks wie das soulige “Dragonball Durag” viel zu brachial und ließen daran zweifeln wie gut seine Musik in so einer großen Location aufgehoben war. Auch das Publikum tat sich etwas schwer bei seinem eigentlich sehr hörenswerten Mix aus Funk, Hip-Hop und R’n’B anzudocken.

A$AP Rocky

Im Anschluss hatte es A$AP Rocky zum Glück ein wenig einfacher und profitierte natürlich davon, neben seiner Stimme nur Backing Tracks über die Boxentürme abzufeuern. Nach einem etwas verhaltenen Start schaffte es der offensichtlich etwas angeheiterte Rapper (“We need more drunk people!”) das Publikum nach und nach in Bewegung zu versetzen und sorgte mit bassgeladenen Drops für die ersten Moshpits, die er immer wieder aufs Neue anstachelte.

Imposant war außerdem das Bühnenbild, das aus einem gigantischen aufgeblasenen Crashtest-Dummy bestand. Der New Yorker zeigte sich immer wieder dankbar für seinen Slot und ließ das Publikum gut aufgewärmt zurück.

Red Hot Chili Peppers

Die großen Stars des Abends eröffneten ihr Set eine gute halbe Stunde im besten Sinne klassisch. Unter tosendem Applaus wurden zunächst Chad Smith, Flea und Rückkehrer John Frusciante empfangen. Schon während des obligatorischen Intro-Jams offenbarte sich direkt, wofür man hauptsächlich gekommen war. Denn für besondere Gänsehaut sorgte natürlich das erste Gitarrensolo in genau dem Sound, den wir knapp 15 Jahre vermisst hatten. Mit “Can’t Stop” und “Dani California” legten die Red Hot Chili Peppers daraufhin einen energiegeladenen Start hin, mit dem sie das gigantische Publikum in nur wenigen Minuten in komplette Euphorie versetzten.

Red Hot Chili Peppers Köln

Red Hot Chili Peppers Köln
Fotos im Auftrag für MoreCore.de: Kirsten Otto (kirstenotto)

“Scar Tissue”, “Snow”, “Californication” – wie zu erwarten regnete es natürlich auch an diesem Abend wieder Hits. Wirklich schön ist aber, dass die Kalifornier nicht wie andere Bands in ihrer Größenordnung auf reine Best Of-Sets setzen. So wurde guten Gewissens auf Songs wie “Otherside” oder “Under The Bridge” verzichtet, um Raum für Songs ihrer neuen Platte “Unlimited Love” zu machen. Zwischendurch beglückten uns die Chili Peppers auch immer wieder durch kleine Jams, in denen die besondere Chemie und ihr musikalisches Verständnis untereinander am besten zur Geltung kamen – vor allem, wenn sie dafür die Nähe und den Blickkontakt zueinander suchten.

Immer noch topfit

Immer wieder beeindruckend ist zudem auch die anhaltende Physis aller Bandmitglieder. Gleich nach dem ersten Song wurde Drummer Chad Smith ins erste Schlagzeugsolo geschickt, das fast schon einem Powerworkout glich und den mittlerweile 60-Jährigen dabei kaum ins Schwitzen brachte. Bassist Flea zeigte sich natürlich gewohnt agil und kehrte sogar im laufenden Handstand zur Zugabe auf die Bühne zurück. Sogar den kurzen Scherz ließ er sich nicht nehmen, dass er ja nach sieben Songs schon erschöpft wäre und eine Ballade benötige – nur um direkt den “Mother’s Milk”-Brecher “Nobody Weird Like Me” mitsamt hektischem Slapbass-Opening von der Leine zu lassen.

Red Hot Chili Peppers Köln

Red Hot Chili Peppers Köln
Fotos im Auftrag für MoreCore.de: Kirsten Otto (kirstenotto)

Aber so gut die Rhythmusfraktion auch ablieferte; der heimliche Star des Abends war natürlich Gitarrist John Frusciante. Seine Ende 2019 angekündigte Rückkehr wurde durch die Pandemie zwar weit hinausgezögert, fühlte sich aber dadurch nur noch erfüllender an. Anders als seine tobenden Kollegen bildete er mit seiner schüchternen Performance einen klaren Gegenpol, erhellte dem Publikum aber vor allem durch kleine Nuancen ihre Welt. Wann immer er in seinen zahlreichen Soli sein Gesicht mitspielen ließ oder in der Kopfstimme ein kleines Lächeln aufsetzte – genau dann ließ der legendäre Gitarrist seine unmessbare Freude darüber wieder da zu sein, durchscheinen.

Beeindruckende Visuals, durchwachsener Sound

Auch Sänger Anthony Kiedis zeigte sich trotz viel Bewegung ein wenig zurückhaltender, lieferte aber bis auf kleine Fehltritte wie einen falschen Einsatz eine gute Performance hin. Abgerundet wurde das Konzert durch die großartige Lichtshow, in dessen Zentrum vor allem ein gigantischer 3D-LED-Screen stand. Vom Mix her hätte alles zwar ein wenig definierter sein können; andererseits haben Stadien natürlich generell noch nie die besten Soundbedingungen geboten. Und schlimmer als bei Thundercat hätte es im Laufe des Abends zum Glück sowieso nicht kommen können.

Red Hot Chili Peppers Köln

Red Hot Chili Peppers Köln
Fotos im Auftrag für MoreCore.de: Kirsten Otto (kirstenotto)

Die Red Hot Chili Peppers sind zurück – und zwar so wie es sein sollte. Auch wenn Josh Klinghoffer in den vergangenen zehn Jahren einen wirklich ordentlichen Job geleistet hat, sind die Kalifornier mit John Frusciante einfach in ihrer Idealbesetzung. Und so macht es am Ende einfach glücklich zu sehen, wo sie nach ihrer mittlerweile knapp 40-jährigen Karriere stehen und wie viel Freude sie noch an dem haben, was sie tun. Nach einem fulminanten Abschluss mit “By The Way” ist es Chad Smith, der mit den Worten “You f*ckers are crazy!” als Letzter die Bühne verlässt und Tausende von Fans über alle Maße glücklich zurücklässt.

Beitragsbild im Auftrag für MoreCore.de: Kirsten Otto (kirstenotto)

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