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Heavy Metal

Live bei: Pentakill „Lost Chapter“ – An Interactive Album Experience (08.09.2021)

Eine etwas andere Live-Review.

VON AM 03/10/2021

Dass ein Livestream als Konzertersatz nicht wirklich herhalten kann, daran dürften sich die wenigsten Geister scheiden. Was aber, wenn ich euch erzähle, dass eine ganz besondere Type von Band es geschafft hat, mit ihrem Streaming-Event wahre Pionierarbeit zu leisten? Mit dieser Review möchte ich mit euch nicht nur in die musikalischen Weiten des Pentakill-Metals abdriften, sondern euch ebenfalls von dem legendären Showdown, dem „Battle of Pentakill“ berichten.

Ein Zuckerschlecken, vor allem für Gaming-Nerds des League of Legends-Universums: Pentakill hat es wieder einmal getan. Harte vier Jahre lang wurde unsere wertvolle Geduld auf die Probe gestellt, nachdem das letzte Studioalbum „II: Grasp of the Undying“ der virtuellen Band unsere Musikwelt zum Beben gebracht hat. Und wie es nicht anders zu erwarten war, haben die Verantwortlichen von Riot Games keine Kosten und Mühen gescheut, um DAS exklusive Musikevent des Jahres auf die Beine zu stellen.

Pentakill veröffentlichen in einem interaktiven Stream ihre somit dritte Platte „III: Lost Chapter“ mit wirklich allem, was dazu gehört: Eine Pre-Party mit bekannten Broadcast-Gesichtern, ein fantastischer Auftritt der Künstler und nicht zuletzt mit den heißhungrigen Zuschauern der LoL-Community aus der ganzen Welt.

Die Schreiberline, die euch durch diese Live-Review führt ist zwar nicht in der League of Legends-Welt zuhause, aber das hat mich nie davon abgehalten, die Musik von Pentakill lieben zu lernen. Genau genommen gab es nie etwas zu „lernen“, denn für mich war es seit dem Debüt mit „Smite and Ignite“ (2014) Liebe auf den ersten Beat. Was ich damit aber eigentlich sagen möchte: Man muss definitiv kein Gamer sein, um sich von der Pentakill-Welle mitreißen zu lassen.

Kommen wir nun zur Pre-Show: Begrüßt werden wir von den Broadcastern aus dem Hause Riot Games und dem interaktiven Streamingdienst Wave, nämlich dem überaus sympathischen Captain Flowers und der bezaubernden Seena. Die beiden Stimmungsmacher führen uns gute dreißig Minuten in die Welt von Pentakill hinein, bevor es losgeht. Riot Games hat es sich als Spieleentwickler und Gastgeber selbstverständlich nicht nehmen lassen, interaktive Gaming-Sequenzen einzubauen, damit wir Metalheads daheim maximal auf Trab gehalten werden.

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Zum Showauftakt werden die Streamer Zeugen einer Vorstellungsrunde, in der die einzelnen Bandmitglieder, allesamt Champions aus dem League of Legends – Universum, dargestellt werden. Mit von der Partie sind Frontmann Karthus, Sänger des Verderbens, dessen Mantra eigentlich auch „Memento Mori“ lauten könnte und Sängerin Kayle, ein selbstgerechter Engel der schurkischen Sorte.

Ich brauche nur diese beiden Namen zu hören und mache schon jetzt Luftsprünge der Freude, denn hinter diesen beiden fiktiven Charakteren steckt ziemlich sicher das Wuchtigste, was der skandinavische Heavy Metal bislang hervorgebracht hat: Der norwegische Sänger Jørn Lande (Ex-Masterplan) und die Finnin Noora Louhimo (Battle Beast) werden von den beiden Champions mit ihren Vocals verkörpert. Ebenfalls Teil der Band sind der gigantische Gitarrist Mordekaiser, Herr der Schattenwelt, Sona, die Virtuosin am Keyboard, Olaf der hemmungslose Barbar, der auch ohne seine beiden Äxte sein Schlagzeug zerfetzt und Yorick, der Totengräber, der seine Schaufel gegen den Bass ausgetauscht hat.

Ein Battle ohne Gegner wäre ja wohl kein Battle, richtig? Daher wird noch ein weiterer LoL-Champion vorstellig: Viego, der ruinierte König, nimmt die Rolle des Bösewichts ein. Aber jetzt mal Klartext – was hat unser Tunichtgut überhaupt gegen eine ordentliche Portion Heavy Metal à la Pentakill auszusetzen? Seine Antwort: Pentakill sei in die Jahre gekommen, fad und abgedroschen; um es mit nur einem Wort zu beschreiben – „Oldschool“. Der moderne Viego hingegen sieht sich selber auf der Core-Überholspur und tritt deshalb in diesem epischen Musikbattle gegen die sechs Metal – Urgesteine an.

Heavy Metal Urgesteine oder Metalcore Früchtchen – wer macht hier das Rennen?

So viel also zur jetzt schon unterhaltsamen Vorgeschichte, die mir aus zwei Gründen sehr gut gefällt: Einerseits erhält das Album mit diesem Storytelling eine Rahmung und wird dadurch noch interessanter, andererseits werden Neuankömmlinge der League of Legends – Welt (wie ich es bin) von der ersten Sekunde an an die Hand genommen. Kaum zu glauben, aber mein Enthusiasmus nimmt noch immer zu.

Nach einer guten halben Stunde beginnt nun die eigentliche Show, das sogenannte „Battle of Pentakill“ und auf einmal finden sich die Zuschauer in einer riesigen Arena wieder. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, wir befinden uns in einer vulkanischen Wettkampfstätte, wie man es bestenfalls aus Star Trek- Filmen kennt. Ein episches Battle kommt schließlich nicht ohne ein beeindruckendes Setting aus!

Das Erste was ich wahrnehme, sind die Jubelschreie des fiktiven Publikums und die feierliche Begrüßung Karthus‘ und Kayles: „Alright, sons and daughters of Pentakill, how are you feeling? Pentakill are back!“

Mit einer Stimme so rau wie Schmirgelpapier ertönen endlich die ersten Klänge des Abends, wir hören den Opener zum gleichnamigen Album „Lost Chapter“. Jørn Lande oder in diesem Fall Karthus rockt seine Röhre, als hätte er in den letzten vier Jahren nichts anderes als Kettenfett getrunken. Die Entwickler hatten auf jeden Fall nicht zum Anspruch, ein annähernd real erscheinendes Konzert stattfinden zu lassen, aber dem Auftritt mangelt es wirklich an nichts. Von einer fulminanten Lichtshow, bis hin zu Schwebebühnen und auch Feuershows ist wirklich alles dabei. Karthus Stimme wirkt aufgrund des Halls (was mich auch sehr verblüfft) noch viel erhabener und beinahe königlich. „Pentakill ist zurück“ heißt es also? Nach diesem Auftritt würde ich sagen, sie waren nie fort!

Wo Licht ist, ist auch Schatten und damit kommen wir zum schurkischen Auftritt Viegos bzw. seines Vorkämpfers in Form eines furchteinflößenden Gesichts, welches sich aus den Wolken herausbildet. Dieses „Wolkengesicht“ mit monströser Stimme beginnt einen Feuerball auf die Bühne zu werfen und den Auftritt Pentakills zu sabotieren. Während das Wolkenmonster die Growls zum Song „Predator“ auf das Publikum loslässt und sie zeitgelich mit seinen Feuerstrahlen terrorisiert, begleiten Sona, Yorick, Mordekaiser und Olaf untreuer Weise die Vocals ihres Gegners, da er die Macht über ihre Körper ergriffen hat. Unter’m Strich haben sich die Musiker alle eine moderne Scheibe alternativen Metals abgeschnitten, wie man es beispielsweise von Slipknot kennt. Hinter dem von mir als „Wolkenmonster“ beschriebener Charakter steckt übrigens ein Feature mit dem Multi-Instrumentalisten Tre Watson. Bei mir hinterlässt die Showeinlage vor allem eines: Gänsehaut der Furcht, denn dieses Wolkengesicht hätte man nicht gruseliger gestalten können.

Von diesem Schreck müssen sich auch Pentakill und ihr übriggebliebenes Publikum erst einmal erholen. Passend dazu stimmen sie einen ruhigen Folk Metal-Track an. „Edge of Night“ ist ein melancholisches Stück, das sich hervorragend auf einem Mittelaltermarkt am Lagerfeuer und zu einem Trinkhorn Met machen würde. Apropos „Lagerfeuer“, die Feuerschlacht hat dafür gesorgt, dass die Bühne in Flammen steht und die Bühne bzw. der Fels in den Tiefen der Schlucht hinabgleitet (nein, sie stürzt nicht hinunter!).

Unten angekommen geht die Show mit der unfassbaren Kayle weiter und Leute, ich bin selten so platt, aber diese Wucht in der Stimme, wie es bei Noora Louhimo der Fall ist, macht mich einfach fertig. So fassungslos über dieses Talent frage ich mich, in welchem finnischen Tonstudio sie sich versteckt haben muss, als dass ihr für diese mörderische Stimme nicht die weltweite Metal-Community zu Füßen liegt. Genau genommen ist sie zu 100% das weibliche Pendant zu Karthus, was sie an „Gathering Storm“ nicht besser demonstrieren könnte. Dieser Powertrack ist natürlich wieder so heavy, wie es der Metal nun mal erlaubt.

Kaum ist die Powerhymne vorbei, da kehrt unser Bösewicht schon aus der Versenkung zurück. Selten habe ich mich so gefreut, einen Schurken wiederzusehen, denn nun wird klar, welcher Real-Life-Musiker hinter dem Gastfeature steckt: Viego hat sich seine Stimme von niemand anderem als Telle Smith (The World Alive) geliehen. Der Metalcore-Liebling gibt in „Conqueror“ ordentlich Gas und zeigt eine ganz neue Seite der League of Legends-Musikwelt. Als Pentakill-Hörerin „bange“ ich darum, dass Viego auch über mich bzw. meinen Musikgeschmack die Macht ergriffen haben könnte.

Es folgt ein weiterer Track Pentakills, der sich im Nachgang als einer meiner Favoriten des Albums entpuppen soll. Pentakill verlassen nämlich ein Stück weit ihre gewohnten Gefilde und wagen in „Executioner’s Calling“ mit ihrem Gitarren- und Keyboardsolo einen gewagten Schritt in Richtung Technical Metal/Progressive. Sona und Mordekaiser, als auch Yorick und Olaf geben sich in diesem Song zum (Aller)Besten und geben mir damit einfach den Rest. Sowieso scheint es Mordekaisers Glanzstunde zu sein, da er als gigantischer Krieger heraufbeschworen wird und er letztlich so groß ist, dass seine Schulter mittlerweile zur neuen Bühne Pentakills wird. Ich bin ein riesiger Fan der schnellen Riffs und kann nicht glauben, dass unsere vermeintlichen „Oldschool“-Metaller so auf Zack sind!

Pentakill sind mittlerweile im Ragemodus angekommen und ziehen mit Mordekaiser als „Panzer“ durch die Flammen in den Kampf. Was gäbe es da Besseres als eine wildgewordene Kayle, die mit ihrer rasenden Stimme in „Stormrazor“ die Bude auch bei mir Zuhause zum Kochen bringt. Es lädt sich Spannung auf, als Mordekaiser dem Wolken-Ungeheuer direkt gegenübersteht. Doch nicht dieses Ungeheuer ist der wahre Gegner, es ist immer noch Viego, der nach der letzten Glanzleistung in „Executioner’s Calling“ Pentakill nach wie vor misstraut. Es bleibt bei seiner Kampfansage: „I offered you something new. Something different and beautiful and you spit in my face! Insidious! Except the inevitable!“

Obwohl Viego an dieser Stelle seinen großen Auftritt auf einer Art „vulkanischen Pyramide“ feiert, ist es nicht Telle Smith, der Viego mit seiner Stimme ausstattet, sondern erneut Tre Watson. Noch viel progressiver als zuvor, zeigt der Bösewicht, wie derber Djent klingen muss. Mithilfe seiner stimmlichen Kraft und des von ihm gesteuerten Ungeheuers scheint Viego Mordekaiser zu Boden zwingen zu können und ihn für seine eigenen Riffs in „Aftershock“ zu instrumentalisieren. Selbst in diesem Fall ist der moderne Metalcore bzw. die „böse Seite“ aus meiner Sicht sehr überzeugend!

Das wahre Endbattle findet zum Song „Last Stand“ statt: Gelingt es Pentakill, Mordekaiser zu befreien und Viego ein für alle Mal außer Gefecht zu setzen? In diesem Moment kann ich mich kaum auf die Musik konzentrieren, denn es steht der Showdown bevor: Mordekaiser bekommt den Auftrag Viegos, seine Freunde anzugreifen und sie zur Strecke zu bringen. Wie in einem Fantasy-Action-Streifen bleibt es bis zur letzten Minute spannend. Sicher liegt es ebenfalls an der musikalischen Untermalung, denn Karthus Stimme transportiert genau die benötigte Kraft, die die Band für ihr Battle benötigt. Mordekaiser schafft es kraft der Musik sich aus den Zwängen Viegos zu befreien.

Wie am besten reagieren, wenn ganz viel Ärger bevorsteht? Genau, es kommt zur Flucht! Viego hat die Kontrolle über Mordekaiser – und somit auch das Battle – verloren und liefert sich mit Pentakill eine wilde Verfolgungsjagd. Wer kennt es denn nicht: Da sitzt man schon mal im Auto und braucht einen wilden Tune im Ohr. Wie wäre es da mit AC/DC? Oder doch viel besser mit Pentakills „Redemption“! Als ob eine Stimmgewalt nicht schon alles herausreißen würde, endet das sogenannte „Battle of Pentakill“ mit einem Rock‘n‘Roll-Duett der Extraklasse. Auf ihrer turbulenten Fahrt gelingt es ihnen, Viego aufzuhalten und ihn mit Mordekaisers Faustschlag in Ohnmacht zu versetzen. Pentakill haben mit ihrem „Oldschool“ Heavy Metal gesiegt!

Nach ihrer triumphalen Rückkehr in die Arena werden Pentakill mit einem Feuerwerk und dem Beifall des virtuellen Publikums gehuldigt. Und somit kann ich heute wirklich behaupten, ein Konzert (zumindest online) „besucht“ und dabei andere Zuschauer gesehen zu haben. Was sagt man dazu?

Ich rekapituliere: Natürlich ist ein virtueller Livestream einer fiktiven Musikgruppe nicht mit einem Livekonzert einer „realen“ Band zu vergleichen. Andererseits gibt es einen riesengroßen Vorteil – fiktive Welten bergen unendliche Möglichkeiten und exakt diese virtuellen Vorzüge haben die Entwickler von Riot Games für sich erkannt und wunderbar umgesetzt. Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieser interaktive Livestream auch als „Nicht-Gamerin“ so unterhalten würde. Nicht zuletzt dürfen sich insbesondere alle Mitwirkenden des Musikprojekts rund um „Pentakill“ auf die Schultern klopfen, denn mit diesem Longplayer ist ihnen ein abwechslungsreiches Meisterwerk gelungen, das so ziemlich jeden Pentakill-Anhänger aus den Latschen kippen lässt.

Bilder: Pentakill / „Lost Chapter – An Interactive Album Experience“

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