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AlternativeRock

Live bei: Jack White in Köln (30.06.2022)

Ein Abend in blau-weiß - ganz ohne Schalke.

VON AM 02/07/2022

“You’ve been so kind. And I’ve been Jack White.” Es ist so ziemlich das erste Mal an diesem verregneten Sommerabend im Kölner Palladium, dass der legendäre Rockgitarrist und -sänger ein bescheidenes Lächeln aufsetzt. So unscheinbar dieser kleine Ausdruck an Freude wirken mag; nach anderthalb Stunden Live-Action mit dem gleichen ernsthaften Gameface versüßt diese aufrichtige Danksagung dem sichtbar glücklichen Publikum noch im Abgang den Abend. Jack White liebt das, was er seit beinahe 40 Jahren tut, noch immer über alles.

Island of Love

Gehen wir ein paar Stunden zurück: Es gehört mittlerweile schon fast zum festen Ablauf eines Konzerttages dazu, auf dem Weg von der Deutschen Bahn ins Schwitzen gebracht zu werden. Letztendlich kosten uns die obligatorischen Verspätungen aber zum Glück nur die Hälfte des Sets der Supportband Island of Love, die das noch relativ spärlich gefüllte Palladium beschallen durfte.

Ein besonderer Twist an diesem Abend: Beim Einlass wurden die Handys aller Zuschauer*innen in einer magnetischen Tasche versiegelt, um eine angenehme, bildschirmfreie Atmosphäre zu erzeugen.

Von dieser Fokussiertheit auf das Geschehen im Konzertsaal profitieren auch direkt Island of Love, die aber dennoch Probleme haben das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Dies lag mit Sicherheit am relativ matschigen Sound, der den Briten jegliche Definition raubte und ihren polternden Mix aus Grunge, Punk und Alternative wenig greifbar machte. Gepaart mit sehr schwer zu verstehenden Ansagen hinterlässt die Londoner Band am Ende keinen wirklich bleibenden Eindruck und kann dem Konzertabend keine denkbaren Momente hinzufügen.

Jack White

Knapp eine halbe Stunde später wird Maestro Jack White unter tosendem Applaus vom altersmäßig gut durchmischten Publikum empfangen. Schon beim kurzen Intro Jam scheint es im Palladium kein Halten mehr zu geben. Mit “Taking Me Back” und “Fear Of The Dawn” wird daraufhin das Riff-Feuerwerk entfacht und schießt mit voller Energie in die Halle hinein. Jack zeigt sich agil, mit viel Bewegungsdrang und sucht augenblicklich die Interaktion mit seiner Band. Die kleine Besetzung aus Bassist, Drummer und Keyboarder sollte sich im Laufe des Abends auch keinesfalls als reiner Sidekick vom Chef herausstellen.

Jack White Palladium

Jack White Palladium
Bilder: David James Swanson / Offizielle Konzertfotos

Visuell steht alles im Zeichen des neuen Albums “Fear Of The Dawn” (2022). Bis auf wenige Ausnahmemomente wird das Palladium nur in blaues und weißes Licht getaucht. Als wäre das nicht genug, gibt es auch noch blaue Schlagzeugkessel, ganze vier blaue Gitarren sowie Jack’s frisch gefärbte, blaue Haarpracht. Diese Hingabe zum Gesamtkonzept sieht man wirklich selten, gefällt dem Auge aber außerordentlich gut. Hinter der Band sind zudem einige große Screens positioniert, die das ohnehin schon imposante Bühnenbild durch Live-Bilder sowie zusätzliche Visuals ergänzen.

Jack White besticht durch vielseitiges Programm

Musikalisch hat uns Jack aber nicht nur Gitarrenterror und minutenlange Soli mitgebracht. Bereits nach vier Songs kommen Akustikgitarre und Kontrabass zum Einsatz um mit Songs wie “Love Is Selfish” und “If I Die Tomorrow” auch einen Einblick in das kommende Album “Entering Heaven Alive” (VÖ: 22.07.22) zu geben, das vermutlich ein wenig ruhiger als sein Vorgänger ausfallen wird. Zudem sorgen der White Stripes-Song “Hotel Yorba” sowie das Elvis Presley-Cover “Power Of My Love” zwischendurch fast schon für waschechtes Country- & Rock’n’Roll-Feeling.

Generell steht sein Solomaterial gar nicht ausschließlich im Fokus des Konzerts. So hat Jack auch eine Menge an Songs seiner zahlreichen Bandprojekte auf die Setlist gesetzt. Mit viel Begeisterung empfangen wurden dabei natürlich der Raconteurs-Klassiker “Steady, As She Goes”, sowie der stampfende White Stripes-Banger “Icky Thump”, der mit einem minutenlangen Aufbau die Zugabe gebührend einleitete. Letzterer beschwörte auch zum ersten Mal an diesem doch eher gemächlichen Abend einen kleinen Moshpit hervor.

Jack White Palladium

Jack White Palladium
Bilder: David James Swanson / Offizielle Konzertfotos

Besonders hervorzuheben ist noch, wie wunderbar unkalkuliert das Konzert wirkte. Durch zahlreiche improvisierte Interludes, Soli und Tempowechsel erhielt die Show durchaus Jam-Charakter. Auch der Rest der Band zog so zwischendurch die Aufmerksamkeit auf sich. Vor allem Schlagzeuger Daru Jones konnte durch seine ungeheure Bühnenpräsenz und sein tightes Spiel trotz des wirklich außergewöhnlichen Aufbaus seines Drumsets überzeugen. So wurde die optisch eher an einen 70s Funk Drummer erinnernde Grinsebacke fast zum heimlichen Star des Abends.

Das größte Rock-Riff aller Zeiten?

Und was kam zum Schluss? Es ist ein wahrlich seltenes Phänomen, dass ein Gitarrenriff berühmter als der dazugehörige Song ist. Genauso, dass das Singen des besagten Gitarrenriffs auch mal eben so den Ruf nach einer Zugabe ersetzt. Wie bei vielen der meistgespielten und meistgecoverten Rocksongs aller Zeiten hat es am Ende doch etwas ganz Besonderes sie von dem/der jeweilige*n Schöpfer*in zu hören. Als Jack also die ersten Takte von “Seven Nation Army” anstimmt, zeigt man sich anders als sonst und beginnt den Song mit jeder Faser des eigenen Körpers aufzusaugen.

Jack White Palladium

Jack White Palladium
Bilder: David James Swanson / Offizielle Konzertfotos

Einen passenderen Abschluss hätte es für diesen Abend der “Supply Chain Issues”-Tour also wirklich nicht geben können. Ein wenig schade ist am Ende lediglich die Tatsache, dass das Palladium auch beim Main Act nicht wirklich prall gefüllt war, was sich wahrscheinlich auf die hohen Ticketpreise und die terminliche Platzierung inmitten der Festivalzeit zurückführen lässt. Jack White selbst hingegen lässt uns überwältigt zurück und beweist ohne jegliche Zweifel, dass er seinen Legendenstatus absolut zurecht besitzt und auch nach seiner knapp 30-jährigen Karriere noch lange nicht müde ist.

Beitragsbild: David James Swanson / Offizielles Konzertfoto

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