Live

Post-Hardcore

Live bei: FJØRT in Hamburg (27.08.2022)

Eine Verneigung vor der Idee der Live-Musik.

VON AM 01/09/2022

Es ist das letzte Augustwochenende. Hamburg kann sich nicht ganz entscheiden, ob es noch sommerlich oder schon leicht herbstlich sein will. So manches Bundesland hat sich von den Sommerferien verabschiedet, während das 9 Euro-Ticket seine letzten Runden drehen lässt. Dicht gedrängt tummelt sich der übliche Mix aus Touris, Junggesell:innenabschieden und Durchreisenden am Hauptbahnhof der Hansestadt. Darunter mischen sich zahlreiche Fußballfans, die das Heimspiel des FC St. Pauli entweder im Stadion oder in einer der Kneipen rundum verfolgen wollen. Im Kiez herrscht buntes Treiben auf dem Straßenfest. Es wirkt, als ob ganz Hamburg an diesem Samstag auf den Beinen ist. War es in den vergangenen Wochen aufgrund der Hitze kaum einladend rauszugehen, ist es heute sehr angenehm draußen zu sein.

 

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FJØRT: Eine Zeitreise an zwei Tagen

Vor dem Grünen Jäger warten rund 100 Menschen auf den Einlass. Auf den Auftakt zu einer Zeitreise, zu der FJØRT geladen haben. “Ein Tag. Alle Platten.” Acht Konzerte an zwei Tagen. Vier Konzerte in zehn Stunden. Eine Schnapsidee, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Impuls kam während eines Umtrunks in der Aachener Stammkneipe. Nach dem einen oder anderen Telefonat mit Management und Team war man sicher, dass man das packen würde. Natürlich mit genug Vorbereitung und mit mehr Manpower als gewohnt, denn der Zeitplan war strikt und unverzeihlich: 11.30 Uhr Einlass im Grünen Jäger, 12.00 Uhr Beginn. 14.30 Uhr Einlass im Molotow Musikclub, 15.00 Uhr auf die Bühne. 17.15 Uhr dann Doors im Knust, 18.00 Uhr wieder Vollgas. 20.00 Uhr dann letztes Zusammentreffen im Gruenspan und 21.00 Uhr das große Finale. Dasselbe Spiel einen Tag zuvor in Köln. Dazwischen vermutlich eine kurze Nacht.

 

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FJØRT spielen an diesem Wochenende ihre ersten Shows nach dreijähriger Pause. Das letzte Mal standen sie während des Festivalsommers 2019 vor Publikum auf der Bühne. “Das ist natürlich krass. Man weiß gar nicht mehr, was dieses Gemeinschaftsgefühl ist, wenn man gemeinsam Musik abfeiert, statt dass wir drei uns nur gegenseitig anschreien”, beschreibt Sänger und Gitarrist Chris Hell seine Gefühlswelt am Tag vor den Shows in Köln. “Dass eine Band wie wir auch einfach nach über 2,5 Jahren wiederkommen kann und die Leute dermaßen Bock darauf haben und die Shows ausverkaufen. Das macht es uns natürlich super easy wieder live zu spielen”, fügt Bassist und Sänger David Frings hinzu.

Gerade vor dem Hintergrund, dass es die Live-Branche, vor allem in der Szene, gerade sehr schwer habe, sei man dahingehend sehr privilegiert und das sei ihnen auch sehr bewusst. Verkehrte Welt. War die Nachfrage nach Veranstaltungen in den vergangenen beiden Jahren sehr hoch, so scheint das Interesse, vor allem nach kleineren Konzerten und Festivals, derzeit eher begrenzt zu sein. FJØRT gelingt jedoch das Kunststück bis zum Veranstaltungstag ganze sieben von acht Konzerten schon im Vorfeld auszuverkaufen. Die meisten davon sogar kurz nach Vorverkaufsstart. Doch völlig überraschend war dies eigentlich nicht.

Seit ihrer Gründung 2012 hat sich das Aachener Trio eine ordentliche und vor allem treue Fanbase aufbauen können. Treue. Eine Eigenschaft, die auch auf die Band selbst zutrifft. FJØRT stehen seit ihrer Debüt-EP “Demontage” (2012) für einen düsteren, melancholischen, teils schwer verdaulichen Post-Hardcore Sound. Irgendwo zwischen den frühen Pianos Become The Teeth, Birds In Row und Escapado, aber eben auf Deutsch, was die Zielgruppe im Zweifel noch viel spitzer macht. Dafür war die Band umso fleißiger und spielte seither unzählige Konzerte und Festivals. Von 5-Euro-Gigs im AZ bis zum Highfield, Hurricane und Southside Festival. In Deutschland, Polen, Kroatien und Italien. In Rumänien, Österreich und der Schweiz. So sind die “Ein Tag. Alle Platten”-Shows nicht nur ein Rückblick auf die Musik. Vielmehr auch der Weg von den JuZes auf die größeren Bühnen. Eine Karriere in vier Shows.

Ein würdiger Auftakt: „Demontage“ im Grünen Jäger

Im Grünen Jäger feiern FJØRT einen sehr intimen Auftakt. Über eine Treppe gelangt man ins Obergeschoss, in dem sich kurz nach Einlass schon einige Leute zusammengefunden haben. Unten kann man die Band noch im offenen Backstage dabei beobachten, wie sie Freund:innen und alte Bekannte begrüßen. Ohnehin wirkt alles wie ein einziges Familientreffen. Viele Gäste scheinen sich zu kennen. Es wird sich herzlich umarmt. Die Stimmung ist gut. Der Konzertraum, die sogenannte „Jägerlounge“, ist quasi ein Dachboden. Es ist dunkel und eng. Die Bühne quasi nicht existent. Der Sound allerhöchstens in Ordnung. “Bitte verzeiht die leise Anlage. Hier spielen normalerweise nur Pop-Rock-Bands, wozu wir uns natürlich auch zählen”, wirft David zwischen zwei Songs lachend ein.

Mit havarii. aus Hamburg spielte man damals die erste Tour. Acht Dates. Unter anderem auch im Grünen Jäger. Es sind diese kleinen Geschichten, die die Zeitreise so anschaulich machen. Die Kontext geben, warum das Ganze hier etwas Besonderes ist. Dass man sozusagen wieder nach Hause an alte Wirkungsstätten kommt. Dazu passt auch der Einlassstempel, der damals zur Veredelung der “Demontage” CDs verwendet worden sei, heute aber vor allem als Trophäe dient. Als Nachweis für das Erreichen der jeweiligen Etappe werden noch drei weitere folgen. Ein Traum für Sammler. Mit ihren sechs Songs liefert die „Demontage“-EP die Basis für ein recht kurzes Set. Ein Appetizer für das, was noch folgen soll.

FJORT - Grüner Jäger

FJORT - Grüner Jäger

Intensiv: „D’Accord“ im Molotow

Auf dem Weg zum Molotow Musikclub passiert man nicht nur eine noch recht überschaubar besuchte Reeperbahn, sondern auch ein kleines Straßenfest rund um den Paulinenplatz. Die Sonne scheint, während sich die ersten Gäste an der Astra Brauerei und direkt neben dem Molotow niederlassen. Der FC St. Pauli liegt zur Halbzeit 0:1 zurück. Ein junger Mann im bunten Dress fragt, was es mit der Schlange vor und dem Lärm aus dem Club auf sich hat. Er kann nichts mit dem Namen FJØRT anfangen und folgt seinem Kegelclub kopfschüttelnd in Richtung Große Freiheit.

FJORT - Molotow

FJORT

Im Club wird es sehr eng und heiß. Der Raum ist in dunkelrotes Licht getaucht. Als die Band die ersten Töne spielt, gibt es im Publikum kein Halten mehr. Schnell kämpfen sich die ersten Crowdsurfer an die Oberfläche und schreien der Band die Lyrics entgegen, die diese als Vorlage liefern. Es ist ein intensives Konzert zum “D’Accord”-Album (2014). Nicht nur auf, sondern auch vor der Bühne. Überhaupt nehmen sich FJØRT die Freiheit, die Songs der Platten nicht in bekannter Reihenfolge runterzuspielen. Sie lassen Raum für Abzweigungen und Überraschungen. David honoriert, dass er kaum Smartphones im Raum entdeckt, was wiederum vom Publikum selbst gefeiert wird. An den passenden Stellen zuckt es dann aber doch in den Fingern. Spätestens bei “Valhalla”, kurz vor Schluss, sieht man doch ein paar Screens in der Luft. Zählt der Song doch zu den größten Hits der Band.

Unter Gleichgesinnten: „Kontakt“ im Knust

Im Knust geht es mit “Kontakt” (2016) weiter. Waren die beiden ersten Shows schon stark, legen die Aachener jetzt nochmal eine Schippe drauf. Zweifellos beherrscht das Trio die kleinen Bühnen. Auf der größeren können sie sich aber voll und ganz entfalten. Es liegt eine empfindliche Stimmung in der Luft. Keine Gefahr für die Teilnehmenden, doch Songs wie “Abgesang”, vor dem David an den Bataclan Anschlag Ende 2015 erinnert, wirken nach. “Paroli” positioniert sich klar gegen Fremdenhass und das Publikum stimmt dem einheitlich zu. Es ist eines dieser Konzerte, die sich einbrennen. Bilder und Momentaufnahmen. Die Band, nicht mehr auf Augenhöhe mit dem Publikum, doch auf ständiger Tuchfühlung. David, der jeden Moment nutzt, um die bildlichen Texte mit Gesten zu untermalen. Eine Crowdsurferin, die von der ersten bis zur letzten Reihe ohne Zwischenfälle getragen wird. Ein Space Space für jedes Geschlecht. Dazu passt auch, dass die Crew immer wieder Wasserflaschen im Publikum verteilt. Bei der aufgeheizten Stimmung eine wunderbare Geste.

FJORT

FJORT

FJORT

Im Vorfeld der “Ein Tag. Alle Platten”-Shows ging das Gerücht, vielmehr die Sorge um, dass FJØRT nicht nur inoffiziell ihr zehnjähriges Jubiläum feiern würden. So viel Aufwand. So viel Risiko. Ein letzter großer Kraftakt vor dem Ende? Im Interview gaben sie sich dazu eher kryptisch und zurückhaltend. Ihr Label Grand Hotel Van Cleef heizte die Gerüchte dann weiter an, indem sie einen Social Media Post mit der Zeile “Danach wird nichts mehr dasselbe sein” beendeten. Eine Überraschung wäre es in diesen unbeständigen Zeiten ja doch nicht.

Der letzte Vorhang fällt: „Couleur“ im Gruenspan

Bis zur letzten, der vierten Show an diesem und der achten in zwei Tagen, war der Zeitplan eingehalten worden. Kein zerplatzter Reifen. Keine schwächelnde Technik. Alles Szenarien, die die Band zuvor auf dem Schirm hatte. Man könne sich nicht gegen jede Widrigkeit wappnen, aber das meiste sei auch mit Hilfe des Teams gut genug vorbereitet worden. Dennoch lässt die Band im Gruenspan etwas auf sich warten. Es ist die größte aller acht Shows, die am Ende wohl auch das volle Kontingent an Karten ausgeschöpft haben wird.

Unter Applaus betreten FJØRT die Bühne gegen 21.15 Uhr und beginnen mit “Bastion”, obwohl “Couleur” (2017) mit “Südwärts” nicht nur einen großartigen Album-Opener in der Hinterhand hat. Diesen heben sie sich aber für später auf. Das Trio kreiert eine Sound-Wand, die im Gruenspan perfekt wirkt. Nie war die Distanz zwischen Band und Publikum größer an diesem Tag. Nie klangen FJØRT aber so groß und wuchtig wie jetzt. Romantiker:innen würden hier sicherlich widersprechen. Eine Band wie FJØRT gehört auch von ihrem Mindset her in die kleinen Clubs. Zweifellos. Was die Aachener und ihr Team aber zum Abschluss leisten, ist eine Offenbarung. Eine Verneigung vor der Idee der Live-Musik.

Perfekt abgestimmte Licht-Show, die wie ein Gewitter über das Publikum herzieht. Ein Sound, der den Songs würdig ist. Es hat gar etwas Cineastisches, wie in diesen dann Geschichten erzählt und Bilder gemalt werden. Uneindeutige mit viel Interpretationsspielraum. Doch bietet “Couleur” in dem Setting auch den besten Rahmen, ist das Album doch in einigen Momenten ruhiger und melancholischer als seine Vorgänger – weniger eindringlich und intensiv aber freilich nicht. 

Fjort - Gruenspan

FJORT

„nichts hat mehr bestand“

Bilden “Südwärts” und “Karat” auf dem Album als jeweils erster und letzter Song eine Klammer, sind sie heute Abend der zweiteilige Abschluss. Gerade “Karat” gehört mit zu den emotionalsten Songs des Bandkatalogs und verlangt regelrecht danach, der Schlussstrich hinter diesem wilden Tanz zu sein. Es ist der finale Akt eines perfekten Schauspiels. FJØRT bedanken sich und verlassen die Bühne. Für immer?

“nichts hat mehr mehr bestand” steht es dann schwarz auf einer weißen Leinwand über der Bühne. Der letzte Vorhang fällt, doch nicht zum Abschied, sondern als Gruß in eine gemeinsame Zukunft. “nichts”, ihr neues Album, soll am 11. November 2022 erscheinen. Dazu eine ausgiebige Tour im Januar. Es wäre der perfekte Abgang gewesen, doch FJØRT haben noch zu viel zu geben. Zu viele Geschichten zu erzählen. Und das ist gut so.

Fotos im Auftrag von MoreCore.de: Maik Krause

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