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Post-HardcoreProgressiveRock

Live bei: Dance Gavin Dance „Tree City Session 2“ Livestream (19.12.2020)

Livestream mit Sightseeing.

VON AM 24/12/2020

„Livestream concerts are boring!“
– Dance Gavin Dance: „Ok, hold my beer.“

Ich habe keine Ahnung, was Dance Gavin Dance und deren Management sich dabei gedacht haben, als feststand: Diese Band wird eine Show streamen. Wahrscheinlich muss es so etwas wie „Egal was kommt, es muss großartig werden“ gewesen sein. Um genau zu sein, ganze 49 Meter „groß“, denn das, liebe Leute, ist nichts anderes als die Höhe der Sacramento Tower Bridge – und dreimal dürft ihr raten, was genau auf dem Wahrzeichen Sacramentos stattgefunden hat.

Diese Show, so viel schon mal vorab, hat es in sich. Das Fünfergespann hat sich ganz offenbar zum Ziel gesetzt, alles (aber auch wirklich alles) aus dem Streaming-Event herauszuholen: Dazu gehört zum Beispiel eine einstündige Pre-Show, in der die Jungs dem Publikum ihre Heimatstadt Sacramento vorstellen und wir lockerflockig mit unserer Lieblingsband auf eine kleine Sightseeingtour mitgenommen werden. Nun bekomme ich ein Konzert UND ein kleines bisschen Urlaubsflair geboten? Ich stelle fest, es könnte mir gerade nicht besser gehen, denn näher kann man einer Band am anderen Ende der Welt wirklich nicht sein, oder etwa doch? Kurzerhand werde ich eines Besseren belehrt: Fünf Minuten vor Showbeginn sehen wir einen in die Kamera starrenden Jon Mess, der nichts anderes tut, als sich zuhause genüsslich sein Rührei zu verzehren. Nichts sagend sorgt der Screamer der Band – und dafür kennt und man ihn – in dem zuvor aufgezeichneten Video für Verwirrungen höchsten Grades.

Dance Gavin Dance wollen hoch hinaus

Nach fünf Minuten äußerst intensivem Jon Mess-ASMR-Content geht’s dann endlich los: Die im Vorfeld angekündigte „Tree City Session“ geht in die zweite Runde und die aufmerksamen Hörer wollen endlich eine Antwort auf die Frage, was sich hinter Volume 2 der Tree City-Live-Aufnahmen verbirgt.

Die Stimmung ist atmosphärisch: Auf einem kreisförmigen Podest, mitten auf der abgesperrten Tower Bridge, sind sie zu sehen: Sänger Tilian Pearson und Jon Mess, Gitarrist Will Swan, Bassist Tim Feerick, Matthew Mingus an den Drums und sogar der Tour-Gitarrist Andrew Wells (Sänger der Band Eidola). Aber nicht nur die Bandmitglieder werden gefilmt. Fast wie in einer Doku lernen wir aus einer Luftperspektive Sac Town bei Nacht kennen. Es sind schöne Bilder, die die Zuschauer zu sehen bekommen und gedanklich ist der nächste Urlaub schon geplant.

Als die ersten Töne erklingen, staune ich nicht schlecht: Der Song wirkt fremd in meinen Ohren und ich weiß beim besten Willen nicht, welcher Song hier gerade den Opener macht. Es braucht ein bisschen bis mir auffällt warum: „The Backwards Pumpkin Song“ liegt als Song des Debutalbums nicht nur verdammt lange zurück, sondern wurde ursprünglich von Sänger Jonny Craig performt. Mit dieser Auswahl habe ich so gar nicht gerechnet, aber ein bisschen Nostalgie schadet nie. Mich überrascht es, dass sie mit „Tree City Session 2“ nicht dort beginnen, wo sie zuvor aufgehört haben, (nämlich bei Instant Gratification aus dem Jahr 2015). Stattdessen vermittelt TCS 2 (einfach mal abgekürzt) uns die gesamte musikalische Bandbreite, von 2007 an bis heute.

Der nächste Track lautet „Uneasy Hearts Weight The Most“. Dabei handelt es sich um einen Titel zum Mitsingen, ein bisschen ruhiger und verspielter. Für mich fühlt es sich fast so an, als würde mich ein alter Freund nach sehr langer Zeit mal wieder umarmen – zu Corona-Zeiten nötiger denn je! Umso schöner ist es, den Song nach Ewigkeiten erneut als Live-Performance zu hören. Im Gesang überzeugt das cleane Duo bestehend aus Tilian und Andrew, die die gefühlvolle Post-Hardcore-Ballade ähnlich gut wie die Originalbesetzung umsetzen können. Auch der darauffolgende Song NASA ist in seiner Interpretation der sehr adrett gekleideten Herrschaften Tilian Pearson und Jon Mess gut gelungen, die mit ihren Anzügen definitiv Highlights auf jeder Party setzen würden.

Dennoch scheint mir der Tilian-Sound in den alten Schuhen der Vorgänger Jonny Craig oder Kurt Travis stellenweise befremdlich zu sein; zumindest in „Blue Dream“: Tilian gibt sich zum Craig-Track sehr mutig, ist treffsicher und hat merklich Spaß an der Show. „Blue Dream“ bleibt zumindest für mein Gehör nach wie vor ein souliger Craig-Song, der Tilian von seiner Stimmfarbe her weniger gut zu liegen scheint. Der Kritik zum Trotz überkommt mich ein Gefühl der Dankbarkeit, die alten, fast schon eingestaubten Tracks noch einmal hören zu dürfen.

Natürlich verbleiben Dance Gavin Dance nicht nur bei ihren „Oldies“. Die Übergänge der Songs wirken leicht melancholisch, so ganz ohne den Applaus der ganzen Fans. Ersatzweise sehen wir zwischen den Tracks immer wieder die beleuchtete Tower Bridge, als auch die vielbefahrenen Straßen Sacramentos bei Nacht, unterlegt mit einer Glockenspiel-ähnlichen Melodie, die wie ein Radiohead-Musikvideo zum Nachdenken anregt.

Mit „Strawberry Swisher Pt. 3“ wird es wieder ordentlich peppig: Dass Jon Mess als Sänger und Maler sein Talent bewiesen hat, das war uns bereits bekannt. Dass er wiederum auch eindrucksvoll sein Tanzbein schwingen kann – davon können wir uns glücklicherweise gerade selbst überzeugen.

Und dann passiert etwas, womit ich heute so gar nicht gerechnet habe: Wer kennt es nicht? – Erst nach dem 17. Mal hören bekommt man endlich den Zugang zu einem Song. „Jesus H. Macy“ war mir als Track bisher „schnurzpiepe“, doch das, was ich gerade als Liveversion zu hören bekomme, gefällt mir sehr gut. Tilian Pearson nimmt im stimmlich enorm hohen Mittelteil eine engelsgleiche Kopfstimme an, die live so richtig durch die metaphorische Decke geht.

Die wechselnden Farben der Lichtershow geben uns noch einmal das vertraute Gefühl, das wir noch von unseren alten Konzerterfahrungen kennen. Ebenfalls „Stroke God“, „Millionaire“ und „Awkward“ gehören zum heutigen Unterhaltungsprogramm. In „Awkward“ wird deutlich, mit wie viel Herzblut die Band bei der Sache ist, sodass selbst die allerletzte Körperzelle in Schwingung versetzt wird.

Mit „Summertime Gladness“ gilt der Dancefloor auch im späten Dezember als eröffnet: Mess im Thanksgiving-Hosenanzug beherrscht alle Dancemoves, die ihr euch nur so vorstellen könnt. Ob er sich dabei zum Affen macht? Nein, wohl eher zum Frosch! Seine Froschsprünge lassen genauso wenig Wünsche offen, wie seine Darbietung der Screams. „Summertime Gladness“ ist einfach DER Gute-Laune-Garant der Band und das merkt man auch im Chat. Währenddessen geht es dort drunter und drüber – wenn es ein Publikum an Ort und Stelle gegeben hätte, dann glaubt mir, würde es im Pit nur so abgehen.

Ein Live-Set mit gestandenen Musikern

Bei „Man Of The Year“ und „Inspire The Liars“ handelt es sich um zwei energetische Songs der sehr starken LP „Mothership“. Diese Titel hat die Truppe mittlerweile so weit perfektioniert, dass sie fast problemlos mit der Studioaufnahme mithalten können. Während „Inspire The Liars“ zeigen uns Gitarrist Will Swan und Tim Feerick in seinem Bass-Solo so richtig, wo der Hammer hängt. Auf der anderen Seite handelt es sich bei „Son of Robot“ um einen Output, in dem Matt Mingus so richtig zum Arbeiten kommt. Insbesondere durch die wechselnde Kameraperspektive mit dem Blick auf das Drumset wird den Zuschauern verdeutlicht, wie gut (und vor allem flott) Mingus sein Handwerk beherrscht.

Die Setlist neigt sich allmählich dem Ende zu und noch einmal packen Dance Gavin Dance ihre „Geheimwaffe“ des Abends aus: Andrew Wells, der die Band gesanglich und mit einer weiteren Gitarre unterstützt, wirkt in den Titeln „Evaporate“, „Strawberry’s Wake“ und „Nothing Shameful“ im größeren Stil mit. Wells glänzt nur so mit seiner Klarheit in der sehr jung gebliebenen Stimme und verblüfft uns Zuschauer, was aus den Kommentaren nicht deutlicher hervorgehen könnte. Eine wirklich gelungene Kombination ist die stimmliche Wucht Pearsons mit der beflügelten Leichtigkeit Wells, die den Abend (bzw. dank der Zeitverschiebung: Die Nacht) mehr als zufriedenstellend abrunden.

Das Ende kam, wie es kommen musste, nämlich, dass die Show so endet, wie sie angefangen ist: Ganz unterhaltsam mit einer Prise Verrücktheit im Rührei des Screamers Jon Mess. Das waren wirklich schöne 137 Minuten voller Entertainment, Spaß und musikalischer Hochachtung seitens der Fans! Im Nachhinein merke ich, wie sehr ich die Liveshows vermisst habe. Dance Gavin Dance haben in diesem Format echt alles herausgeholt, was im Bereich des Möglichen war.

Trotzdem wird aus meiner Sicht kein Livestream (und sei er noch so gut) die Gesamtatmosphäre eines Livekonzerts in Anwesenheit eines tollen Publikums ersetzen können. Mit diesem Schlusswort blicke ich ganz optimistisch in die Zukunft und freue mich auf die Liveshows, die hoffentlich noch im nächsten Jahr folgen werden.

Die Setlist:

The Backwards Pumpkin Song
Uneasy Hearts Weight The Most
NASA
Blue Dream
Strawberry Swisher pt. 3
Jesus H. Macy
Stroke God Millionaire
Awkward
Summertime Gladness
Man Of The Year
Inspire The Liars
Son of Robots
Evaporate
Strawberry’s Wake
Nothing Shameful

Foto: Lindsey Byrnes / Offizielles Pressebild

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