Live

Punkrock

Live bei Antiheld in Stuttgart (07.01.2023)

Heimspiel im LKA.

VON AM 10/01/2023

Von Zeit zu Zeit trägt es sich zu, dass man mal nicht auf ein Konzert seiner absoluten Lieblingsband geht, sondern man mal etwas Neues ausprobieren will… oder muss. Und wer kennt es nicht, wenn man Freund:innen mal einen Gefallen tut und sich auf deren Lieblingskonzert wiederfindet. Dies ist ein kurzer Bericht über einen solchen Abend bei Antiheld im LKA Longhorn Stuttgart, der sich ganz anders entwickelt hat als ursprünglich gedacht.

„Ohje, das könnte ein ganz schön langer Abend werden“, dachte ich mir noch als wir auf dem Weg von Karlsruhe nach Stuttgart im Auto schon mal etwas Antiheld anklingen ließen. Ich kannte vielleicht einen Track der schwäbischen Kombo, die sich irgendwo zwischen Rock, Punk und Singer-Songwriting zuträgt… und darin geht’s ums „Ficken für den Weltfrieden“. Also eigentlich schon mal recht vielversprechend. Dagegen sprach mich jetzt das, was da aus den Bluetooth-Boxen drang, nicht unbedingt an. Alles klang sehr träge, traurig und schwer, wenig punky, lebensfroh und spaßig.

Mit also nicht gerade hohen Erwartungen und etwas genervt von einer längeren Parkplatzsuche kehrten wir in die Stuttgarter Location mit dem zauberhaften Namen LKA Longhorn ein (Der Name stammt übrigens von einem amerikanischen Büffel ab, just saying). Beim Durchqueren der Halle bemerkte ich, dass das Publikum schon mal sehr viel durchmischter war als vorgestellt: Junge Mädels, die die erste Reihe belegten (vorhersehbar), Männer im besten Mosh-Alter im mittleren Drittel und bei uns an der Theke, ältere Personen die, wie sich über den Abend noch herausstellen sollte, ganz unterschiedlich gehyped von diesem Konzert sein würden.

MISCHA

Den Abend eröffnen durfte die Band MISCHA um Singer-Songwriterin Mimi, die ihre Musik selbst als „rockige Weiterentwicklung der deutschen Kartoffel zum veredelten Wodka“ beschreiben. Dabei hat die Gruppe aus Biberach einen einfachen rockigen Sound mit poppigen Synth-Elementen, der zwar zum Tanzen anregt, allerdings auch fast zu einfach gemacht erscheint. Dafür singt Vokalistin Mimi scheinbar um ihr Leben und überzeugt mit ihrem zarten und schweren, herzzerreißenden und für sich stehenden Stimmorgan.

Mischa Stuttgart

Mischa Stuttgart

Mischa Stuttgart
Fotos im Auftrag für MoreCore: Lisa Bressmer

Der Auftritt der Indie-Alternative-Kombo ist doch recht gut getimte, der Support-Slot ist weder zu lang noch zu kurz (auch mal eine willkommene Abwechslung zu super kurzen Support-Support-Shows). Die Songs sind verträumte Teenie-Partytracks, die teilweise zum Tanzen einladen (z.B. „Wenn du schläfst“), aber auch ernste Thematiken ansprechen, wie zum Beispiel „Ey Süsse“. Allgemein wird sich hier alle Mühe gegeben, die wichtigsten Messages gegen Sexismus, Catcalling und Rassismus anzubringen, was natürlich sehr gut ankommt.

Mischa Stuttgart

Mischa Stuttgart

Mischa Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

Musikalisch kann man MISCHA wahrscheinlich am ehesten mit dem Chemnitzer-Trio Blond vergleichen, wobei ich mich in diesem Genre jetzt nicht so gut auskenne. Es wird nochmal laut als Antiheld für ein (wirklich) kurzes Feature auf die Bühne kommen. Mit dem Track „Kleinstadt“ wird das Dorfleben zelebriert (was nicht zu passen scheint, da man MISCHA klischeehaft eher in die Berliner Szene einordnen würde), dann geht’s erstmal in die Pause.

Mischa Stuttgart

Mischa Stuttgart

Mischa Stuttgart

Mischa Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

„So weit so gut“, denke ich als im LKA zur Umbaupause Limp Bizkits „Break Stuff“ ertönt. Nach einer längeren Pause in der alle nochmal rauchen, pinkeln und sich was zu Trinken holen gehen können, geht’s dann endlich los mit dem großen Heimspiel für den Headliner.

ANTIHELD

Mit einem ruhigen aber sich aufbäumenden Piano-Intro wird die Ankunft der Antihelden auf der Stage verkündet. Als der Vorhang fällt und das Stuttgarter Quartett offengelegt wird, geht es im Publikum direkt richtig ab: Die Fans singen im Chor vom „Sommer unseres Lebens“ und Antiheld berichten von ihrer nie enden wollenden Liebe zur Musik – vielleicht etwas kitschig, wer aber wie ich als Teenie zu viel Casper, Prinz Pi und Co. gehört hat fühlt sich doch etwas angesprochen. Und nicht nur ich, denn letztendlich ist die Liebe zur Musik ja auch das (vielleicht Einzige) was uns hier in diesem Raum alle verbindet. Da kann man schon mal ein bisschen mitflüstern und mitfühlen.

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

Luca, der Vokalist von Antiheld mit der rauen, kratzigen Stimme, schließt gleich an seine Kollegin Mischa an und eröffnet den nächsten Track „Präsidenten“ mit einer Ansage gegen Rassismus, die natürlich auch auf keinem Punk-Konzert fehlen darf. Direkt sympathisch.

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

Vor dem großen Antiheld-Banner sind außerdem schicke LED-Wände angebracht worden die passende Loop-Videoinstallationen abspielen, die die jeweiligen Thematiken der Songs atmosphärisch unterstützen. Kein großes Ding aber schon ein kleines, kostspieliges Detail, das zeigt, dass sich gekümmert wird (nicht ganz so punky, trotzdem cool). Bereits nach den ersten Songs fällt uns auf, wie viel rockiger Antiheld live rüberkommen – deutlich mehr Gitarreneinsatz (auch vom Sänger), scheppernde, treibende Drums, griffige Basslines und viel Rumgespringe. Auch die Vocals klingen rotziger und experimentierfreudiger als auf Platte.

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

Nach den ersten rockigen Nummern wird es nun emotional und das LKA wird in eine traurige Atmosphäre gehüllt, als Luca vom Tod ihres Managers berichtet für den sie den nun performten Song „Wiegenlied“ geschrieben haben. Während die Band die Ballade ehrfürchtig spielt, durchläuft man (musikalisch inszeniert) als hörende Person die verschiedenen Phasen von Verlust: Trauer, Wut, etc. Die Stimmung bleibt mit den folgenden Nummern nun erstmal unten und auch wenn ich es langsam als etwas eintönig empfinde, kann ich gut nachempfinden, warum diese EMO-tionale Ader von Antiheld dann doch die Jugend so berührt und quasi in Trance versetzen kann.

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

Seinen Höhepunkt erreicht dieses „Trauerspiel“ mit der Klavier-Version von „Alles Gute Für Den Winter“, einer Klimaschutz-Hymne, die die Stuttgarter Aktivistin Greta Thunberg widmen. Während die jüngere Fraktion begeistert scheint und nochmal alle Emotionen in dieses (etwas kitschige) No Future-Stück steckt, scheint die Eltern- bzw. Älteren-Traube, die sich während dem Konzert vor uns gebildet hat, sich weder für das Konzert, schon gar nicht für die Belange und Ängste ihrer Kinder zu interessieren, die hier in den Lyrics der Band verarbeitet werden – ein schockierendes Symbolbild, das mich ab diesem Moment absolut auf die Seite von Antiheld zieht.

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

Weltschmerz und jugendlicher Leichtsinn

Harter Cut – Stroboparty. Ein einzelner Bierbecher fliegt durch’s Publikum und ich erblicke für eine Millisekunde die Pommesgabel. Mit „Babylon“ wird es wieder etwas rockiger im LKA, die Stimmung steigt erneut an und die Menge (inklusive uns) kennt kein Halten mehr als „Rock’N’Roll Queen“ von den Subways angespielt wird. Harter Cut – und es wird mit „Irgendwo stirbt grad ein Kind“ nochmal sad und politisch. Generell hat die Band einige harte Botschaften im Gepäck. So widmen sie ihren nächsten Track „Find What U Love“ erneut einem verstorbenen Kollegen der Musikbranche.

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

Die Antiheld-Fanmeile ist textsicher und mit dem Titeltrack der Platte „Goldener Schuss“ kann auch wieder gefeiert, die Arme geschwungen und gesprungen werden. Antiheld kristallisieren sich für mich über den Abend mehr und mehr als eine gute Einsteiger-Band für Rock- und Punk-Musik raus, die vor allem mit ihren politischen Statements wichtig für die Meinungsbildung einer jungen Generation sein kann. Die Musik wirkt gewohnt, wie schon mal da gewesen. Vergleichen könnte man sie mit Rogers, Montreal oder Revolverheld. Antiheld präsentieren uns nichts Neues aber ihre Songs können mit Emotionalität, Wärme, jugendlichem Leichtsinn und Freiheits- und Gemeinschaftsgefühl dann doch überzeugen.

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

Kitschige Nostalgie mit Punk-Momenten

Der Abend, der nun bereits über eineinhalb Stunden geht, erhält zum Ende hin nochmal einen starken Spannungsbogen. Denn nun wird Nachdenkliches, Trauriges und Nostalgisches zur Seite gelegt und die Party wird erst so richtig eröffnet. Mit der Hymne an den Stuttgarter „Kellerklub“ fliegen Bierbecher über die Köpfe der Besucher:innen hinweg und es wird das erste Mal an diesem Abend richtig gepogt. Das scheint auch dem Sänger aufzufallen, der direkt das Publikum teilt, in die Menge springt und seinen Text nun von dort aus zum Besten gibt. Der Abend scheint sich nun (für mich) wirklich zum Guten gewendet zu haben. Und auch mit dem bekannten Mitwipp-Song „Berlin Am Meer“ kocht die Stimmung im vollen Longhorn nochmal richtig hoch.

Für ein kleines Highlight des Abends sorgt nun der Die-Letzten-Werden-Die-Ersten-Sein-Part, an dem Sänger Luca und Bassist Matze im Publikum, beschossen von rauchgefüllten-Seifenblasen einige ihrer alten, aus Straßenmusiker-Zeiten-stammenden Tracks, wie die nostalgischen „Bisschen Große Liebe“ und „Wenn die Welt Brennt“, aber auch neuere Mitgröhl-Nummern wie das Olli Schulz-Vibes-versprühende „Mach Mirn Kind“ performen. Mit dieser Performance und den Tracks schaffen es Antiheld, mich mit ihrer rotzig-kitschigen Nostalgie-Romantik doch zu überzeugen.

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart

Antiheld Stuttgart
Fotos im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

Zum Finale kehren Sänger und Bassist auf die Bühne zurück und performen nach der Ballade „Sonnenkind“ und dem eskalativen Party-Mosher „Chaos“, noch das (sogar mir) bekannte Stimmungs-Highlight „Ficken Für Den Weltfrieden“, zu dem sich Luca nochmal in die Menge stürzt und auf Händen getragen weiter performt. Sichtlich gerührt verabschieden sich die Stuttgarter Punkrocker damit von ihrem Heimspiel-Konzert und ich mich von meiner ablehnenden Haltung gegenüber der Antiheld-Mania.

Beitragsbild im Auftrag von MoreCore: Lisa Bressmer

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