Live bei: DEFTONES in Hamburg!

Die simpel gehaltene Silhouette eines weißen Ponys auf rotem Hintergrund steht ein-, zwei-, dreimal über den Köpfen der Menge im Mehr! Theater, gehalten von weit hochgestreckten Händen. Sie schwenken die Fahnen und lassen die Ponys tänzeln. „White Pony“ ist Slang für Kokain, ist in der Literatur der Traumdeutung Hinweis auf ein sexuelles Verlangen und „White Pony“ ist das bis dato erfolgreichste Album einer seit Ende der Achtzigerjahre bestehenden Band aus Sacramento.

Am 28. April kamen DEFTONES auf ihrer Europatour anlässlich ihres neusten Albums „Gore“ nach Hamburg. Geplant war, die fünf Musiker in der weitläufigen Sporthalle auftreten zu lassen, doch kurzum wurde die Show in das Mehr! Theater heruntergestuft. Das Mehr! Theater ist ein Multifunktionstheater, welches seit 2015 besteht und kürzlich auch begann, Konzerte der härteren Musik zu beherbergen. Die Kapazitätsgrenze von 3.500 Besuchern konnte von den DEFTONES-Fans jedoch nicht erreicht werden, so blieben vor der Bühne wie auch auf den bestuhlten Rängen einige Plätze frei.

Bevor kurz nach 21 Uhr DEFTONES die Bühne betraten, eröffneten SKYHARBOR den Abend. Mit ihrem progressiven Metal in der Tradition von Bands wie Animals as Leaders und Oceansize, gespickt mit Elementen aus Djent und Ambient, ließ das multinationale Quintett vom ersten Moment an aufhorchen. Den abenteuerlichen Stakkato-Rhythmen und der instrumentellen Härte stand der stets klare und kräftige Gesang des Sängers Eric Emery gegenüber. Die mehrlagigen Harmonien in Songs wie „Evolution“ oder „Blind Side“ beeindruckten, doch zeigte sich an der verhaltenen Reaktion des Publikums, dass die Songs für spontanes Mitgehen zu komplex waren und sich erst bei mehrmaligem Hören ganz entfalten. Auch überzeugten SKYHARBOR mit dem professionellen Bühnenbild und Auftreten. Die aufwendige und atmosphärische Lichtshow, gut abgestimmt auf die Musik, ließ fast vergessen, dass hier noch die Vorband am Werke war und stimmte auf die Inszenierung ein, mit welcher DEFTONES als Nächstes aufwarteten.

Wohl gewählt starteten DEFTONES ihr Set nicht etwa mit einem ihrer neusten Songs, sondern mit zwei Klassikern von „White Pony“ aus dem Jahr 2000: die Songs Korea und Elite holten insbesondere Fans der älteren Geburtenjahrgänge direkt bei der Erinnerung an ihre Jugendphase ab. Frank Delgados Scratching an den Turntables lieferte Töne, die nostalgische Gefühle nach der Blütezeit des Nu-Metals und Crossovers auslösten. Die beiden Lieder sind aggressiv, laut und hämmernd. Der Bass ließ die dick gepolsterten Sessel auf den Rängen vibrieren. Weiße Scheinwerfen scannten die Menschenmenge. Sänger Chino schrie mit verzerrter Stimme „You´ll bleed out of control“ in sein Mikro, brüllte und krümmte sich angespannt auf der Bühne. Immer mehr Nebel strömte in den Saal. Die Lichter erschienen greifbar und schwebten wie manifeste Säulen minutenlang über die Köpfe der Besucher. Im Chorus sang Chino gekonnt mit klarer, hoher Stimme über die Schwere hinweg. Die große Portion Hall auf seinem Mikro ließ seine Vokalakrobatik von der Bühne zu allen Seiten des Theaters turnen. Gesang, so süßlich wie der Geruch von Marihuana, der durch die Luft waberte, führte über zu dem hypnotisch klingenden „Diamond Eyes“ aus dem gleichnamigen Album von 2010. DEFTONES Musik besteht aus harten Kontrasten, schnellen Wechseln und dem Spiel mit Stille. Die Lichtshow an diesem Abend brachte DEFTONES ganz eigenen Stil wunderbar auf den Punkt. Romantisch roter Nebel, der im Saal hang, so dick, dass nur noch unscharf das Vorgehen auf der Bühne zu erkennen war und die Wahrnehmung verschwamm, wurde mit eiskaltem Stroboskoplicht durchbrochen.

Nach der Eröffnung des Sets begann eine Reise durch die inzwischen 22 Jahre währende Bandgeschichte. Bis auf das Nachfolgeralbum von „White Pony“ waren alle 8 Longplayer der US-Amerikaner mit Songs an diesem Abend vertreten. Auffällig war hierbei, dass „White Pony“ mit fünf Liedern die meisten Songs zur Setlist beisteuerte – die neueren Alben „Gore“ und „Koi No Yokan“ hingegen nur jeweils drei Lieder. Möglicherweise war das eine Reaktion auf die weitverbreitete Meinung, DEFTONES bestes Album sei noch immer ungeschlagen das weiße Reittier. Kaum klang der wohl bekannteste Song dieses Albums „Digital Bath“ an, ertönten laute „Chino“-Rufe aus der aufgeregten Menge und der Sänger sprang nach vorne zu seinen Fans. Chino verhüllte sich in eine der roten Fahnen, hielt sie hoch, ließ sich für sein Meisterwerk feiern. „Digital Bath“ erzählt die Geschichte einer Person, die eine Frau in der Badewanne durch einen Stromschlag tötet. Mit seinem sinnlich und sehnsüchtig schmachtenden Gesang formte Chino die Gedanken eines Mörders in Ich-Perspektive. Das Schlagzeug verstummte mitten im Song, nur noch Chinos einsame Gitarrenakkorde schallten durch den Raum, als er flüsterte: „You breathed, then you stopped. I breathed, and dried you off“. Still wartete der gesamte Saal gebannt. Mit einen Schrei Chinos setzten die anderen Instrumente wieder ein und ließen die Besucher ihre Anspannung abschütteln.

Viel Bewegung und Engagement ging von dem Großteil der Besucher an diesem Abend jedoch nicht aus. Ob es daran lag, dass Sänger Chino das Publikum nicht durch entsprechende Ansagen motivierte, DEFTONES Songs zu atmosphärisch sind, um Moshpits einzuleiten oder dass vermehrt ruhig stimmende Substanzen konsumiert wurden, kann nicht geklärt werden. Allerdings wirkte auch die Band teilweise zu gelassen, um die Wut und Ekstase ihrer Songs zum Ausdruck zu bringen. Rollte sich Sänger Chino noch über den Bühnenboden und warf sich in die Arme seiner Fans, stand Gitarrist Stephen Carpenter durchgehend vor einer Windmaschine und ließ sich wie ein Shampoo-Model die langen Locken durchpusten. Vor allem bei den performten Songs des nun bereits 20 Jahre alten Albums „Around the Fur“ wurde deutlich, dass der Band inzwischen das rotzige und kantige Auftreten fehlt, um Songs der Nu-Metal-Ära noch authentisch auf die Bühne bringen zu können. Das 20 Songs umfassende Set endete mit „Rocket Skates“. Dem Auftritt DEFTONES hätte es jedoch gut getan, ihn um einige Songs zu kürzen, um einen dramatischeren Spannungsbogen durch ihre Bandgeschichte schlagen zu können.

Dass so wenig Konzertbesucher DEFTONES in Hamburg sehen wollten, dass die Show in eine kleinere Location verlegt werden musste, kann auch daran liegen, dass die Band seit 17 Jahren versucht, „White Pony“s Erfolg zu schlagen, nur um dann feststellen, dass genau dieses Album und nicht ihre neuen Werke immer noch die meiste Resonanz auf den Shows hervorbringt. Der Verkaufserfolg ihres aktuellen Albums „Gore“ schien dabei etwas überschätzt gewesen zu sein. Es ist möglicherweise an der Zeit, dass sich DEFTONES aus den großen Hallen verabschieden und sich auf intimere Clubshows in Beisammensein mit ihren alteingesessenen, treuen, wie auch neu gefundenen Fans einzustellen.

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