Kritik: SUICIDE SILENCE – „Suicide Silence“

Der oftmals zitierte Spruch “Es gibt keine schlechte Publicity” hat für SUICIDE SILENCE dieser Tage mehr Gewicht denn je, schließlich hat ihr neues Album schon Wochen vor der Veröffentlichung heftige Diskussionen ausgelöst. Man wolle sich “mal aus dem Rahmen raus bewegen” ließ Frontmann Eddie Hermida im Interview wissen, während der Nu Metal-Sound und die ungewohnten, cleanen Vocals in den bereits veröffentlichten Singles “Doris” und “Silence” auf heftige Kritik in der Szene stießen, allen voran unter den Fans der ersten Stunde. SUICIDE SILENCE sei mit Mitch Lucker komplett verstorben, skandierten die Einen, während die Anderen die Band zur Umbenennung aufgefordert haben, da ihr Sound nichts mehr mit dem Deathcore-Geknüppel früherer Tage gemein habe.

Auch wir bei MoreCore.de waren uns im Vorfeld bewusst, wie sehr das Album polarisiert und dass Meinungen gerne einmal auseinander gehen, weshalb wir uns entschieden haben, für die Rezension zur neuen Scheibe “Suicide Silence” zwei Redakteure mit zwei unterschiedlichen Meinungen heranzuziehen.

Rezension von Sebastian Beiler

Neun Songs und 44 Minuten lang ist die neue Scheibe von SUICIDE SILENCE, die bezeichnenderweise genauso heißt wie die Band selbst. Bewusst sei dieser Name gewählt worden, da irgendwie doch erst “You Can’t Stop Me” das letzte Album mit Mitch Lucker gewesen sei und erst jetzt Eddie Hermida komplett die Zügel in der Hand hält. Während das Musiklabel Nuclear Blast Records im offiziellen Info-Sheet SUICIDE SILENCE als Heavy Metal-Band verkauft (gerade nachdem ich meiner ganzen Verwandschaft und anderen Musikbanausen in meinem Umfeld erklärt habe, dass ich eben keinen “Heavy” Metal höre, argh!) und die neue Scheibe mit Metal-Giganten wie METALLICA und Legenden wie den BEATLES auf eine Stufe stellt, gilt es für SUICIDE SILENCE zunächst, viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Schließlich ist schon im Vorfeld klar, dass uns hier ein radikal anderer Sound erwartet, der auf die Kappe von Produzent Ross Robinson geht – ein Branchen-Schwergewicht, der schon mit Größen wie SLIPKNOT, KORN, TOOL und weiteren namhaften Bands zusammengearbeitet hat.

Wir starten direkt mit “Doris” in das Album – der ersten Single, die bereits seit wenigen Wochen für reichlich Diskussionsstoff im Netz sorgt und die jüngste Debatte um SUICIDE SILENCE erst entfachte. Der Album-Opener gibt dann auch tatsächlich die klare Marschrichtung für die nächsten acht Tracks vor: Melancholisch-aggressiver Nu Metal-Sound im Stile der späten 90er, der stark an frühe Werke von KORN, den DEFTONES oder SLIPKNOT erinnert (wer saß da noch gleich am Mischpult?), gepaart mit einem hohen Anteil an Clean Vocals, die zumeist überzeugend, aber eben doch gewollt verzerrt und dreckig klingen.

Der YouTube Jared Dines hat seine Eindrücke zu “Doris”, die auch ich so unterschreiben kann, mit seinem Reaktions-Video, das ihr inzwischen hoffentlich alle kennt, sehr schön auf den Punkt gebracht.

Der zweite Track auf dem Album und die ebenfalls im Vorfeld veröffentlichte Single, “Silence”, setzt den Nu Metal-Trend auf diesem Album fort, erinnert dabei aber noch mehr an eine KORN-Coverband, die hier erstmals eine EP mit neuen Liedern produziert, sich aber noch nicht so richtig vom Stile des Vorbilds wegtraut. Die langsamen, prägnant gesprochenen Zeilen in diesem Song erinnern stellenweise an den Stil von KING 810, doch wie wir wissen, hat auch diese Band das Rad nicht neu erfunden.

Als hätten die letzten 15 Jahre Entwicklung im modernen Metal nicht stattgefunden, lassen SUICIDE SILENCE nun den Track “Listen” folgen. Mit recht monotonen, harten Riffs, verzerrter Stimme und dem Bass in vollem Anschlag, knüppeln sich die Kalifornier zu einem langen Outro mit wenig Wiedererkennungswert vor, nur um dann mit “Dying In A Red Room” doch endlich für eine kleine Überraschung zu sorgen: Eddie hat tatsächlich eine überzeugende Klarstimme! Ob er diesen hohen Anteil an Klargesang auch live überzeugend präsentieren kann oder ob der Frontmann wie bei vielen andere Bands in der Szene üblich aufgrund fehlender Skills die Live-Parts einfach überspringt (was nicht zu hoffen ist, schließlich bliebe für ihn dann gerade mit dem neuen Album kaum etwas zu tun), wird sich allerdings erst noch zeigen.

Während schließlich “Hold Me Up Hold Me Down” zur Mitte des Albums wieder aggressivere Growls präsentiert, können die cleanen Vocals in “Run” erneut überzeugen und in den besten Momenten fast mit Corey Taylors gesanglicher Leistung gleichziehen.

Nach dem verhältnismäßig abwechslungsreichen und schnelleren “The Zero” steuert das Album mit dem achten Song, “Conformity”, langsam dem Ende entgegen. Hier spendieren SUICIDE SILENCE den Hörern eine melancholische Ballade, in der Frontmann Eddie erneut mit glasklarer Stimme punkten kann, ältere Fans aber ein weiteres Zeugnis für den radikalen Stilbruch finden.

Mit dem Abschlusstrack “Don’t Be Careful You Might Hurt Yourself” werden die Stellschrauben noch einmal angezogen und harte Shouts durch die Gehörgänge der Zuhörer gespült, die nüchtern betrachtet an die musikalische Gegenwart erinnern. Und überhaupt: Wenn der Sound in diesem Lied qualitativ hochwertiger und nicht mit Absicht in diesem rohen 90er-Stil produziert wäre, könnte man sich akustisch fast wieder im Jahre 2017 wähnen. Damit aber kein Hörer auf dumme Gedanken kommt und anfängt, von SUICIDE SILENCEs Deathcore-Tagen zu träumen, endet das Album mit einem außerordentlich unerwarteten Pfeifen, psychedelisch anmutenden Klängen und dem lauten Bing einer Rezeptionsklingel.

Fazit: Die hier oftmals erwähnten Nu Metal-Helden wie die DEFTONES oder KORN entsprangen in den 90ern einer Zeit, in der die dreckigen Sounds des Grunge noch allen Fans alternativer Rockmusik im Ohr lagen, während gleichzeitig experimentelle und genreübergreifende Bands wie SYSTEM OF A DOWN oder LIMP BIZKIT in den Startlöchern standen. Dass sich die Entwicklungen seit dieser Zeit nicht einfach so rückgängig machen lassen, haben nun SUICIDE SILENCE mit ihrer neuen Platte bewiesen. Während die Sounds auf ihrer selbstbetitelten LP vor 15-20 Jahren neu, revolutionär und nonkonform dahergekommen wären, wirken sie heute nur noch unbequem. Und obwohl das eigenen Aussagen zufolge genau das Ziel der Jungs von SUICIDE SILENCE war, ergibt diese Unbequemheit noch lange kein gutes Album. “Suicide Silence” wird den Großteil der alten Fans verprellen und der neuen (Nischen-)Zielgruppe, die vor allem in den ersten Reihen auf Konzerten der DEFTONES oder KORN zu finden ist, wenig Neues bieten. Zu matschig ist der Sound geworden, zu wenig Songs bleiben dabei im Ohr stecken und zu austauschbar wirkt diese Hommage an alte Zeiten – eine Austauschbarkeit, die die Truppe um Eddie Hermida mit ihrem Ausbruch aus der Deathcore-Schublade doch eben hinter sich zu lassen suchte. Und so mutig dieser Schritt zum kompletten Stilwechsel auch sein mag, so sehr frage ich mich doch, wie einige dieser lethargisch-generischen Lieder einmal live funktionieren sollen. Spätestens auf dem With Full Force Festival werde ich mir selbst ein Bild davon machen.

Wertung: 5,5/10

Rezension von Sascha Grethmann

Seit dem tragischen Tod von Mitch Lucker in der Halloween-Nacht 2012 und der Neubesetzung der Vocals durch Eddie Hermida hat sich die Fanbase von SUICIDE SILENCE in zwei Lager gespalten. Die Einen bleiben ihrer Band treu und feiern auch mit Eddie weiter, die Anderen verteufeln genau diesen und haben der Band den Rücken gekehrt. Das 2014 mit Eddie veröffentlichte Album “You Can’t Stop Me” polarisierte auch genau auf diese Weise, obwohl die Band damals ihrem Stil einigermaßen treu blieb. Schließlich wollte man ja nicht die treuen Fans verscheuchen.

Bevor wir zum eigentlichen, ersten Song auf dem Album kommen, welches sich schlicht ‘Suicide Silence“ nennt, hören wir erstmal ein bisschen Gitarrengedudel, gefolgt von unverständlichem Gebrabbel und einem „FUCK YEAH!“. Dann bekommen wir auch schon das volle Brett „Gitarrenriff plus Doublebass“ in unsere Fresse geknallt, welches schon als Single erschienen ist. „Doris“ nennt sich der erste Song und mit diesem begann auch der Shitstorm gegen SUICIDE SILENCE. Aus meiner Sicht wirken nur die hohen Vocals von Eddie etwas deplatziert, die normalen, klaren Vocals im Refrain passen ansonsten gut. Allerdings wirken sie genau wie die Screams in der Strophe etwas flach. Abgesehen von einer sphärischen Bridge passiert hier instrumental nichts Spannendes.

Auch auf dem zweiten Track durfte die Öffentlichkeit bereits rumhacken. „Silence“ ist ein typischer Nu-Metal-Song und könnte fast eins zu eins von KORN stammen. Diesem Schema folgt das neue Album in den meisten Songs. „Listen“, „Dying In A Red Room“ und „Run“ klingen dementsprechend relativ träge und lethargisch. Es wird gesprochen und mit cleanen Vocals gearbeitet, die durch unnötige Effekte viel zu überladen sind. Die Screams sind nicht sauber und klingen eher nach lautem Schluchzen und das bisschen Text, was verständlich ist, klingt meist eher kryptisch und verwirrend.

Die Songs „Hold Me Up Hold Me Down“ und „Conformity“ brechen aus diesem Muster aus. Ersterer gibt uns ein bisschen Deathcore zurück und würde von der Community sicher nicht so viel Kritik abbekommen. „Conformity“ hingegen ist eher eine Ballade, die zeigt, dass Eddie eine wirklich schöne Stimme haben kann, wenn er denn will. Bitte nicht schlagen, aber der Song erinnert mich in den ersten Minuten ein bisschen an STONE SOUR. Für alle, die es bis ganz zum Schluss des Albums geschafft haben, gibt es noch ein lustiges Outro mit Pfeifen und Spaß. Hurra! Ein bisschen unpassend.

Nach insgesamt neun Songs und ca. 44 Minuten wird es dann still und das Album ist zu Ende. Aber wie soll ich mich jetzt fühlen und was soll ich davon halten? SUICIDE SILENCE haben mit diesem Album ihren Stil auf brachiale Weise gewechselt. Vom Deathcore, den sie einst repräsentierten, ist nahezunichts mehr übrig. Hier gibt es kein „Pull The Trigger Bitch!“. Aber ist das schlimm? Hat sich die Band selbst ins Aus geschossen? Der Deathcore-Hörer und die Fans der Band sagen jetzt „ja!“, und das ist auch ihr gutes Recht. Immerhin ist es im eigentlichem Sinne kein Deathcore mehr und die Fans der Band wollen meistens genau das. Aber ich denke, dass dieses Album vielleicht sogar die letzte Rettung der Band ist. Zumindest, wenn man nicht in der Versenkung verschwinden und bis zum Ende aller Tage die gleiche Musik machen will.

“Suicide Silence” ist gewagt. Es ist frisch und es ist unerwartet. In einer Zeit, in der jede Band gleich klingt und das meistens auch noch will, ist es sehr mutig, so einen Schritt zu machen. Aber ich finde, dass die Band mit ihrem Album neuen Wind in das Genre bläst. Und das ist eine gute Sache. “Suicide Silence” punktet hier mit Unvorhersehbarkeit, sauberen Vocals à la KORN und DEFTONES und einem sehr abgefahrenen Sound. Auch wenn Eddie nicht jeden Ton trifft, könnte man immer noch meinen, dass es so gewollt ist, weil es sehr gut ins Gesamtkonzept passt. Ich zweifle allerdings daran, dass diese Platte vor der jetzigen Fanbase standhalten wird. Also heißt es entweder Zähne zusammenbeißen und neue Fans begeistern oder man macht es im PAPA ROACH-Stil und spielt live zumeist nur die alten Sachen. Ich bin gespannt, was da noch auf uns zukommt. Allerdings muss ich zugeben, dass sich das Album etwas in die Länge zieht. Die Songs sind im Schnitt fast fünf Minuten lang und mir ist beim ersten Durchhören kein Song im Kopf geblieben.

Letztendlich sollte sich jeder seine eigene Meinung zu diesem Stilwechsel bilden und deswegen kann ich euch nur ans Herz legen, dem neuen SUICIDE SILENCE-Sound immerhin eine Chance zu geben und euch darauf einzulassen.

Wertung: 7/10

Band: Suicide Silence
Titel: Suicide Silence
Genre: Nu Metal
Songs: 9
Release: 24.02.2017
Label: Nuclear Blast Records

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