Papa Roach Who Do You Trust

Kritik: Papa Roach experimentieren auf „Who Do You Trust?“ mit alten und neuen Stilen

Zugegeben, das Wort „abwechslungsreich“ sollte den Fans von Papa Roach geläufig sein. In ihrer über 20-jährigen Karriere hat die vierköpfige Band aus Kalifornien so einige musikalische Stilwechsel durchgespielt. Nach ihrem Durchbruch mit dem Megaseller „Infest“ im Jahr 2000 folgten bis dato sieben weitere Alben, die sich mal mehr und mal weniger vom Stil des jeweiligen Vorgängers entfernten. Neue musikalische Wege zu beschreiten und sich immer wieder neu zu erfinden ist das, was Papa Roach auszeichnet.

Frontmann Jacoby Shaddix bezeichnet das als den Grund, weswegen sie nach so vielen Jahren auch in der heutigen Musiklandschaft noch relevant seien. Ihr primäres Ziel sei dabei, immer wieder neue musikalische Grenzen zu überwinden und mit Stolz auf ihre Werke zurückschauen zu können. Bisher ist das Sänger Shaddix, Gitarrist Jerry Horton, Bassist Tobin Esperance und Schlagzeuger Tony Palermo stets gelungen. Nun erscheint die neue Platte „Who Do You Trust?“ und – wer hätte es gedacht – kommt mit einem (teilweise) neuen Papa Roach-Sound daher. Shaddix lässt vorab verlauten, dass die neue Platte das extremste Werk in der Bandgeschichte sei. Extrem – ja! Völlig neu? Nein.

Papa Roach beginnen mit dem „Ende“

„The Ending“ läutet als erster Track den Beginn des neuen Werks ein und schon hier ist zu hören, dass die Bandmitglieder mit neuen Sounds und Techniken spielen. Irgendwo zwischen recht stark präsentem Elektro- und einem guten Papa Roach-Gitarrensound kann man Shaddix & Co. hören, wie sie ein neues Kapitel in ihrer Bandgeschichte aufschlagen. „This ist the start of the ending“ erklingt es und man fragt sich, ob sowohl Lyrics als auch Sound des ersten Songs wegweisend für die weiteren Tracks sind.

Direkt im Anschluss jedoch kann man diese Frage verneinen. Der zweite Song „Renegade Music“, der vorab veröffentlicht wurde, kommt in alter Papa Roach-Manier daher: Starker Gitarrensound, kraftvolle Vocals, eine Abwechslung zwischen Rap, Gesang und Screams. Es geht vorwärts! Ein Sound, der an das Vorgängeralbum „Crooked Teeth“ erinnert und seine Wurzeln in Richtung Nu-Metal ausschlägt. Der nostalgisch gewordene Hörer erwartet nun mit Spannung den nächsten Song und spätestens beim dritten Track wird dann klar, dass man bei diesem Album besser gar keine Erwartungshaltung an den Tag legen sollte. Man lässt sich besser überraschen. „Not The Only One“ macht da nämlich als drittes und ebenfalls durch den Vorab-Release bekannte Lied schon wieder einen Cut. Eingängig, rhythmisch, fast groovig treibt die Akustikgitarre den Song vorwärts, nur um dem zwischendrin und am Ende wieder kraftvoll mit E-Gitarre und Rap-Passagen entgegenzuwirken. Crossover neu interpretiert.

Und genauso geht es auch im weiteren Verlauf voran. Das titelgebende „Who Do You Trust?“ beispielsweise ist ein völlig neuer Mix aus rockig-rhythmischem Gitarren- und Drum-Sound und einer Abwechslung aus Gesang und Rap. Zusammen mit „Not The Only One“ und „Top Of The World“ die Songs, die die Zuordnung zu einem bestimmten Genre oder Musikstil sehr schwierig machen. Papa Roach probieren sich aus und das wird insbesondere an solchen Liedern deutlich, in denen die Band Stile vereint, die sie in dieser Art vorher noch nicht miteinander in Verbindung gesetzt hat.

Demgegenüber stehen Lieder, die gradlinig und rockig gestaltet wurden, wie zum Beispiel der eingängige Ohrwurm „Come Around“, der fröhliche, locker-flockig anlautende Track „Feel Like Home“ oder das kraftvolle „Better Than Life“. Songs, die den Sound aus vorherigen Papa Roach-Alben wie „Metamorphosis“ und „The Connection“ aufgreifen und durchaus radiotauglich sind. Ein absoluter Ausreißer dagegen ist „I Suffer Well!!!“: Ein Punkausbruch von vorne bis hinten, bei dem die Musiker alle ihre Gefühle in nicht mal eineinhalb Minuten Lied packen. Laut Shaddix die Aufnahme, die ihm am meisten Spaß gemacht hat.

Dazwischen findet man immer wieder Lieder, in denen man vergeblich nach klassischen Rock-Strukturen oder gar Spuren der Nu Metal-Vergangenheit sucht, wie etwa das poppig-elektronische „Problems“ oder auch „Top Of The World“. Shaddix kommentierte hierzu, dass die Bands einerseits die Lieder nicht einheitlich klingen lassen und andererseits eine klarere Grenze zwischen den Genres ziehen wollte. So solle Rock nun nach Rock klingen und Pop nach Pop. Ein Statement, dem man nach Hören des Albums zumindest in Teilen zustimmen kann. Genauso abwechslungsreich wie die Songs selbst sind nämlich auch deren Strukturen: Während einige Tracks recht eindeutig einem Stil zugeordnet werden können, gestaltet sich das bei den experimentelleren Liedern eher schwierig.

Die Frage, die sich dabei stellt, ist natürlich, wie die Anhänger der Band diesem Stilmix gegenüberstehen. Auf „Who Do You Trust?“ ist wirklich für jeden etwas dabei. Nichtsdestotrotz erfinden sich Papa Roach auf ihrer neuen Platte nicht gänzlich neu. Abgesehen von experimentellen Ausflügen in die elektronische oder rhythmisch-tanzbare Musikwelt finden sich durchaus Sounds, die auch auf früheren Alben zu finden sind. Das Neue an der Sache ist, dass die Band alle diese Ansätze bisweilen nicht in ein- und demselben Album verpackt hat. Durchaus vorstellbar, dass Papa Roach damit neue Fans dazu gewinnen und eine breitere Masse ansprechen. Durchaus vorstellbar ist aber auch, dass alteingesessene Fans, die sich mit „Crooked Teeth“ wieder an frühere Zeiten der Band erinnerten, diesem neuen Sound zum Teil kritisch gegenüberstehen.

Fazit:

Insgesamt stellt „Who Do You Trust?“ ein außergewöhnliches Werk von Papa Roach dar. Lässt man das Konzept des Genres außen vor und betrachtet jeden Song des Albums für sich, ist jedes Stück gelungen. Die einzelnen Lieder sind ausgereift und technisch einwandfrei umgesetzt, Lyrics und Musik passen zusammen, Strukturen sind zu Ende gedacht. Eine Essenz herauszuholen, ist jedoch schwierig, da die Unterschiede der einzelnen Tracks gewaltig sind. Unterm Strich halten Papa Roach, was sie mit ihrer neuen Platte versprechen: Sie ist extrem, sie ist abwechslungsreich und sie ist experimentell. Shaddix äußert sich zur Thematik des Albums, dass sich „Vertrauen“ textlich durch die einzelnen Tracks zieht. Vertrauen kann man der Band – dass sie keinen Song zweimal macht. Dass sie sich nie zufriedengeben. Dass sie Neues ausprobieren und die Musikwelt überraschen. Das ist Papa Roach gelungen und sie haben ein Album geschaffen, das sie in dieser Form noch nicht hervorgebracht haben.

Wertung: 8/10

Band: Papa Roach
Album: Who Do You Trust?
Veröffentlichung: 18.01.2019

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