Kritik: KIDS INSANE – „Cluster“

Jeder kennt es: Man bestellt sich das Album einer Band und die eigene Großmutter warnt einem, nach Entgegennehmen des Paketes, vor einer Briefbombe. Ja, das ist mir, als ich „All Over“ von KIDS INSANE vor einem Jahr über Bandcamp gekauft habe, passiert. Auch wenn die Angst absolut unbegründet war, sahen die vielen Poststempel auf dem Paket mehr als bedrohlich aus. Sowas hatte die Band, als ich ihnen die Story bei ihrer Show mit DEFEATER in Köln erzählt hatte, auch noch nicht gehört.

Seit 2010 sind KIDS INSANE unterwegs und der heißeste Punk-Export aus Tel Aviv, Israel. Ihr via Redfield Records veröffentlichtes Debut „All Over“, überzeugte 2012 mit einer Mischung aus wildem Hardcore und melodischem Punk, gepaart mit wütenden Vocals. Auch die folgende EP „Frustrated“ und die Split-EP mit der italienischen Band SLANDER, knüpften an den Stil von „All Over“ an und zeigten wie sauer die fünfköpfige Truppe sein kann. Nun erschien mit „Cluster“ Album Nummer zwei und verspricht ein weiteres Kunstwerk der Aggressivität. Ob es sich dabei um ein Feuerwerk für jede Musiksammlung handelt oder es eher in heißer Luft aufgeht, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen…

Beim ersten Durchlauf sticht die Produktion am meisten ins Ohr. Das Panorama wird großzügig genutzt, die Gitarren liegen eher außen als zentral. Der ganze Sound ist sehr offen und nur wenig komprimiert. Es „drückt“ nicht so sehr wie bei vielen anderen Platten des Genres, was ich hier jedoch eher gut als schlecht finde. Die Songs sind überwiegend schnell und markant, mit vielen Singalongs und ohne unnötige Breakdowns. Öfters als auf den älteren Alben und EPs, wird jedoch das Tempo etwas gezügelt und mehr mit Feedback und Atmosphäre gearbeitet. Aber dazu jetzt mehr:

„Cluster“ setzt oben an und legt mit den ersten drei Songs auf ein gutes Tempo. Treibende Beats, etwas melodischere Vocals und offene Gitarrenakkorde. „Left Right Left“ beginnt mit einem verzerrten Tom-Beat des Schlagzeugs und gibt einen Grund-Rhythmus zum Bewegen vor. „Black Burnt“ geht das Ganze etwas simpler an und springt mit einem einfachen Groove nach vorne. „Varicose“ wurde bereits vorab veröffentlicht und glänzt auf ganzer Linie. Wild, furios und man verspürt den Drang, Teil eines Circle Pits sein zu wollen.

Mit dem darauffolgenden Track „Full Tank“ drehen KIDS INSANE das Tempo zurück und laden zum entspannten Cruisen ein. Lässige Riffs, gepaart mit einem entspannten Beat und einem krönenden Gitarren-Solo. „Overthinking“ lässt den Hardcore ebenfalls bei Seite, zeigt eine eher rockige Seite und erinnert an die frühen FOO FIGHTERS. Auch „This Place Is Killing Us“ bleibt bei dem klassischen Rocksound und verzichtet auf schnelle Punk-Beats. Die Gitarren klingen eher schwer und schleppen sich durch den Song. „Not A Slave“ ändert daran ebenso nichts und bleibt eher langsam.

Bei „Not Yet“ bricht der Punk wieder hervor und lockt mit Two-Steps sowie Singalongs. Wesentlich mehr gutturale Vocals und wieder ein krachender Breakdown. Kurz und knapp, aber dennoch mit genug Energie, um einen wieder aus der Lethargie der letzten drei Songs rauszuholen. „What Ever Happend With Jane“ setz danach wieder auf chaotische Riffs und Rhythmen, gespickt mit Feedback und einem verzerrten Bass. Abgerundet mit einem Höhepunkt, der sehr an Post-Rock erinnert. Der Schluss wird mit dem Outro „Warning“ gemacht. Die Aufnahme ist Low-Fi, klingt also wie aus einem alten Radio, und erinnerte mich vom Gesang und der Theatralik an MY CHEMICAL ROMANCE’s Song „Mama“.

Wie bereits, erwähnt ist die Produktion anders und weicht vom aktuellen Hardcore/ Metalcore Sound ab. Das Schlagzeug besitzt viel Raum und entfaltet sich, klingt dabei aber nicht unnatürlich. Die Snare könnte für meinen Geschmack etwas trockener sein, die Becken stechen jedoch gut hervor, ohne den Mix unpräzise wirken zu lassen. Die Gitarren sind kraftvoll und haben, wie bereits gesagt, einen angenehmen Platz im Panorama. Sie wirken zu keinem Zeitpunkt undefiniert, haben jedoch einen gewissen matschigen Charakter. Verschiedene Effekte setzen den Soli noch die Sonnenbrille auf. Der Bass kennt mehr als einen Sound und ändert, je nach Song, vom Klassischen zum Verzerrten. Die Vocals sind oft gesungen oder gerufen, weniger geschrien, was den eher rockigen Songs sehr zugute kommt. Kleine Spielereien im Stereobild beim Background-Gesang, lassen die Vocals zudem nicht zu langweilig klingen.

Fazit:

KIDS INSANE wollen sich mit „Cluster“ nicht dem Einheitsbrei ergeben. Ob es nun der eigenwillige Sound, die Spielereien im Stereobild oder das Songwriting ist, Herzblut und jede Menge Arbeit sind in diesem Album zu hören. Hier geht es nicht um ein schnelles Album für zwischendurch, sondern um ein tiefschürfendes Erlebnis auf instrumentaler und lyrischer Ebene. Die Texte sind eindringlich und sprechen die richtigen Themen an. Das Instrumentale reizt den Hörer aufzupassen und immer wieder neue Sachen zu finden. Natürlich können KIDS INSANE den Punk nicht ganz ablegen und sich komplett dem normalen Rock zuwenden, aber dieser Ausflug in langsamere Gefilde ist erfrischend und zeigt wie viel Kreativität die fünf Jungs aus Israel besitzen. Einzig gedämpft wird der Gesamteindruck ein wenig durch die Anordnung der Tracklist, da man sich zwischendurch eher auf ein schnelleres Tempo einstellt. KIDS INSANE liefern ein solides Album ab und haben zurecht mehr offene Augen und Ohren verdient.

Bewertung: 8/10

Band: Kids Insane
Titel: Cluster
Genre: Hardcore/Punk
Songs: 10
Release: 10.03.2017

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