Twenty One Pilots

„Das Mainstream-Monster füttern“ – Twenty One Pilots im Interview

Zwei Singles zur selben Zeit in den Top 5 der US Billboard 100. Es gibt erst drei Rock-Künstler, denen dieses Kunststück gelang: Elvis Presley, den Beatles und Twenty One Pilots. Da verwundert es nicht, dass sich der eine oder andere Kritiker schnell zu Formulierungen hinreißen ließ, das Duo aus Ohio zähle zu den größten Rock-Bands der letzten Jahre – eine These, die tatsächlich gar nicht so unbegründet erscheint.

Mit ihrem vierten Album “Blurryface” gelang Twenty One Pilots 2015 der endgültige Durchbruch. “Ride” und “Stressed Out” liefen im Mainstream-Radio auf Dauerschleife. Für letzteren erhielt man sogar einen Grammy in der Kategorie “Best Pop Duo/Group Performance”.

Auch “Heathens” aus dem „Suicide Squad“-Soundtrack mutierte schnell zum Hit und war vielleicht das einzig Beste, was der Film hervorbringen konnte. Weitere Auszeichnungen, Awards und TV Auftritte ließen dann natürlich nicht lange auf sich warten.

“Wir sind irgendwie versehentlich in diese Mainstream-Kultur und ins Radio gerutscht. Denn das war eigentlich nichts, was wir angestrebt hatten. Plötzlich hatten wir die Möglichkeit vor sehr vielen Menschen zu spielen, wofür wir sehr dankbar sind”, erklärt Sänger Tyler Joseph.

Ich treffe ihn und Drummer Josh Dun in der Lanxess Arena in Köln. Es ist die mittlerweile 50. Show der laufenden “The Bandito Tour”. Seit Oktober 2018 ist das Duo unterwegs. Bis September ist der Tourplan angesetzt.

Twenty One Pilots

Twenty One Pilots über das Monster namens “Mainstream“

Dass der Erfolg der Band alles andere als nur eine kurze Momentaufnahme ist, haben Twenty One Pilots ihren treuen Fans zu verdanken, die seit Jahren konstant zu den Konzerten strömen und in dem Kult, den sie um die Band entwickeln, etwas an die große Zeit von My Chemical Romance erinnern.

Selbst nach der Veröffentlichung von “Trench” im Oktober letzten Jahres scheint dem Duo keine Grenzen gesetzt. War “Blurryface” mit einigen offensichtlichen Hits bestückt, so bieten Twenty One Pilots mit “Trench” eine vergleichsweise düstere Atmosphäre.

“Uns war schnell klar, dass wir diesen Weg nicht weitergehen wollten. Die Mainstream-Kultur ist wie ein Monster, das du konstant füttern musst, um dich dauerhaft festzusetzen und diese Präsenz zu behalten. Wir haben dann aber die bewusst die Entscheidung getroffen uns mit den neuen Songs den Erwartungen unserer Fans und nicht denen des Marktes zu widmen”, erzählt Joseph darauf angesprochen, dass “Jumpsuit” als erste Single durchaus unkonventionell, weil alles andere als typisch radiotauglich daherkommt.

Obendrein entschieden sich Twenty One Pilots mit “Trench” ein Konzept-Album ins Rennen zu werfen, das sich noch tiefer mit Depressionen, Ängsten und Selbstzweifeln auseinandersetzen sollte, allerdings narrativ in einer Fantasiewelt, die von neun Bischöfen regiert wird. Einer davon ist Blurryface, die Personifikation all dessen, was Joseph seit seiner Teenagerzeit bedrückt. In Zeiten von Streaming und der immer weiter zu schwinden scheinenden Aufmerksamkeitsspanne – gerade bei der jüngeren Zielgruppe – nicht ganz unproblematisch.

“Natürlich ist das ein Risiko. Ganz klar. Aber wir wollten zeigen, dass wenn wir uns ein Jahr lang auf dieses Album konzentrieren und so viel Arbeit dort reinstecken, dies auch spüren soll. Wir wollten die Theorie austesten, dass die Zeit, die man in ein Projekt investiert, dass dieses Projekt für diese Zeitspanne auch seine Wichtigkeit und Relevanz behält. Und ich denke auch, dass es da draußen immer noch Leute gibt, die Alben wirklich hören.”

Dass Twenty One Pilots reihenweise Hallen füllen, liegt nicht zuletzt auch an ihren mitreißenden Live-Shows bei denen sie nichts dem Zufall überlassen. Performances auf zwei Bühnen mit vollem Körpereinsatz , Schlagzeugsoli auf den Händen der Fans, Kostümwechsel und das ganze gepaart durch den Einsatz verschiedener Instrumente wie Klavier, Bass und Ukulele – auch in Köln können die Jungs vollends überzeugen.

“Es ist nicht so, dass wir die Performance einmal festlegen, dann zwei Stunden abspielen und uns danach amüsieren gehen. Wir verbringen Stunden vor und Stunden nach den Konzerten damit zu überlegen, was wir besser machen, wie wir die Übergänge flüssiger hinbekommen können”, erklärt Joseph.

Es sei aber nicht nur ihr Job, sondern auch ihr Hobby und dies sei etwas, was man nicht erklären könne, woher diese Leidenschaft käme, die einen letztendlich auch als Menschen ausmache. Viel Zeit, um zum Beispiel selber Musik zu hören, bliebe da nicht übrig. “Die letzte Platte, die ich wirklich bewusst gehört habe, ist „Thank You For Today“ von Death Cab For Cutie.”

Weitere Mitglieder denkbar

Man merkt schnell, wenn Künstler einen versuchen mit Standard-Floskeln zu vertrösten und hier und da mit Nachdruck ein gewisses Image zu erzeugen – sei es die Dankbarkeit den Fans gegenüber oder natürlich auch die besondere Bedeutung des neuen Materials, welches man kürzlich veröffentlicht hat.

Doch Twenty One Pilots wirken sehr authentisch in ihren Aussagen und gerade Tyler Joseph geht gerne in die Tiefe, um einen Kontext zu seinen Antworten zu schaffen. Er und Kollege Josh Dun sind gerade erst 30 geworden, an den ganz großen Hype scheinen sich die beiden aber schon gewöhnt zu haben.

Sehr höflich, fokussiert und interessiert geben sie sich, was nach dem rasanten Aufstieg und den voll gepackten Tourplänen keine Selbstverständlichkeit ist. Gerade vor dem Hintergrund, dass Twenty One Pilots als ganz normale Band in Ohio gegründet wurde und anfangs sogar vier Mitglieder besaß.

Etwas, was sich die Jungs durchaus auch wieder vorstellen könnten: “Als wir überlegten, wie unsere Shows aussehen würden, wenn es nur wir beide wären, wägten wir die Vor- und Nachteile ab. Damals überwogen die Vorteile für uns ganz klar. Und ich denke, das tun sie nach wie vor. Momentan fühlt es sich einfach richtig an, dass wir als Duo auftreten. Auch wenn wir immer wieder darüber sprechen, dies zu ändern. Wir beide sind grundsätzlich offen dafür da es sicher interessant wäre, wie solche Shows aussehen könnten”, erzählt Dun, während Joseph hinzufügt, dass weitere Mitglieder sicherlich eine große Bereicherung für die Live-Shows sein könnten, um noch mehr Dynamik reinzubringen. Auf der anderen Seite sei es eben deswegen Abend für Abend eine neue Herausforderung, der die beiden sich stellen müssen. “Wenn du diesen Kampf für dich entscheidest, dann spüren das die Leute.”

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